Als der erste Schnee fiel
Gleich einem König, der in seine Staaten
Zurück als Sieger kehrt, empfängt ein Jubel dich!
Der Knabe balgt um deine Pflocken sich
Wie bei der Krönung um Dukaten.
Selbst mir, obschon ein Mädchen, und der Rute
Lang nicht mehr untertan, bist du ein lieber Gast;
Denn siehst du nicht, seit du die Erde hast
So weich belegt, wie ich mich spute?
Zu fahren ohne Segel, ohne Räder,
Auf einer Muschel hin durch deinen weißen Flor,
So sanft und doch so leicht, so schnell, wie vor
Dem Westwind eine Pflaumenfeder.
Aus allen Fenstern und aus allen Türen
Sieht mir der bleiche Neid aus hohlen Augen nach;
Selbst die Matrone wird ein leises Ach!
Und einen Wunsch um mich verlieren.
Denn der, um den wir Mädchen oft uns stritten,
Wird hinter mir, so schlank wie eine Tanne, stehn
Und sonst auf nichts mit seinen Augen sehn
Als auf das Mädchen mit dem Schlitten.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Als der erste Schnee fiel“ von Leopold von Goeckingk beschreibt auf verspielte und anmutige Weise die Freude und den Zauber, die der erste Schnee mit sich bringt. Es beginnt mit einem Vergleich des Schneefalls mit der triumphalen Rückkehr eines Königs, was die festliche und freudige Atmosphäre sofort etabliert. Die Zeile, in der ein Knabe „um deine Pflocken sich balgt“, deutet auf kindliche Freude und die spielerische Auseinandersetzung mit der neuen, weißen Welt hin. Die einleitenden Strophen etablieren ein Gefühl von Festlichkeit und Unbeschwertheit, das durch die bildhafte Sprache des Dichters noch verstärkt wird.
Die zweite Strophe offenbart eine persönliche Note, indem die Autorin, trotz ihres Alters, die Freude am Schnee teilt. Sie betont die Weichheit des Schnees und wie er sie dazu bringt, sich voller Freude zu bewegen. Interessant ist die Anrede „lieber Gast“, die dem Schnee eine freundliche und willkommene Qualität verleiht, als wäre er ein willkommener Besucher. Die anschließenden Verse beschreiben die Vorstellung einer Fahrt durch den Schnee, die sowohl sanft als auch schnell ist, ähnlich einer Pflaumenfeder im Wind. Dies erzeugt ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit, das mit der kindlichen Freude der ersten Strophe harmoniert.
In der dritten Strophe wird das Gefühl von Neid ausgedrückt, der von außen auf die erlebte Freude blickt. Der „bleiche Neid“ aus „hohlen Augen“ und das „leise Ach“ der Matrone deuten auf eine gewisse Distanzierung und das Sehnen nach dieser unbeschwerten Erfahrung hin. Dies könnte die Vergänglichkeit der Jugend und die Sehnsucht nach dem Erleben der Kindheit symbolisieren. Gleichzeitig wird die Einzigartigkeit der eigenen Erfahrung betont, die durch die Freude an der neuen Schneelandschaft verstärkt wird.
Die abschließende Strophe lenkt den Blick auf die romantische Ebene. Der „der, um den wir Mädchen oft uns stritten“, der junge Mann, wird durch das Mädchen mit dem Schlitten gefesselt. Der Schnee dient hier als Kulisse für eine Liebesgeschichte, in der das Mädchen im Mittelpunkt steht. Die Beschreibung des jungen Mannes als „so schlank wie eine Tanne“ fügt ein weiteres bildhaftes Element hinzu, das die Natur und die Schönheit des Moments vereint. Das Gedicht endet mit der Betonung der Anziehungskraft, die das Mädchen auf ihn ausübt, wodurch der Schnee als Katalysator für romantische Gefühle inszeniert wird.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.