Als das Schreckliche geschah
unknownAls das Schreckliche geschah Hat der Schreck mich nicht versteint. Als ich um mich weinen sah Hab ich selber nicht geweint.
Alles Nahe klang mir sehr Ferne bis es ganz verhallte. Plötzlich wurde ein bisher In mir Stummes wach und lallte.
Ich erbebe im Gebeine. Ist so schauerlicher Gang Denn vonnöten ehe eine Seele findet ihren Klang?
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Interpretation
Das Gedicht "Als das Schreckliche geschah" von Max Kommerell handelt von einer tiefgreifenden seelischen Erschütterung, die der lyrischen Ich-Erzähler erlebt. Der Titel deutet bereits an, dass etwas Furchtbares geschehen ist, das den Erzähler in seinen Grundfesten erschüttert. Doch anstatt in Schockstarre zu verfallen oder selbst zu weinen, wie man es vielleicht erwarten würde, bleibt der Erzähler seltsam gefasst und beobachtet nur, wie andere um sich weinen. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt, wie die Realität für den Erzähler verzerrt wird. Alles, was ihm nahe war, klingt plötzlich weit entfernt und verhallt schließlich ganz. Doch gleichzeitig erwacht etwas in ihm, das bisher stumm war und nun zu "lallen" beginnt. Dies könnte als Metapher für eine neue, noch ungeformte seelische Regung verstanden werden, die durch das schreckliche Ereignis ausgelöst wurde. Im letzten Teil stellt sich der Erzähler die Frage, ob ein solch schauerlicher Gang notwendig ist, damit eine Seele ihren Klang findet. Dies deutet darauf hin, dass das schreckliche Ereignis, so schmerzhaft es auch sein mag, eine Art Initiationsritus für die Seele des Erzählers darstellt. Erst durch das Erleben von Schrecklichem kann die Seele reifen und ihre wahre Stimme finden. Das Gedicht endet mit einer resignativen Frage, die aber auch einen Hoffnungsschimmer enthält: Vielleicht ist das Schreckliche ja notwendig, damit etwas Neues, Echtes entstehen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Alles Nahe klang mir sehr / Ferne bis es ganz verhallte
- Hyperbel
- Ich erbebe im Gebeine
- Metapher
- Plötzlich wurde ein bisher / In mir Stummes wach und lallte
- Personifikation
- Als ich um mich weinen sah / Hab ich selber nicht geweint
- Reimschema
- AABB
- Rhetorische Frage
- Ist so schauerlicher Gang / Denn vonnöten ehe eine / Seele findet ihren Klang?