Am Tagus herrschte einst ein Fürst, den Fama preist
Und noch auf diesen Tag Alphons den Weisen heißt;
Nicht weil er klug, o nein, weil er gelehrt gewesen.
Alphonsus konnte nicht nur lesen,
Er war auch Astronom. Weit besser als sein Land
War ihm das Firmament bekannt,
Und er vergaß oft Staatsrat und Finanzen,
Wenn er auf seiner Warte stand.
Einst als er sich, umringt von seinen Schranzen,
Dahin begab, sprach er entzückt im Gehen:
Ich hoffe heut durch meine neuen Tuben
Die Menschen in dem Mond zu sehen.
Ei was, erwiderten die schlauen Lotterbuben,
Dies wäre zu gemein; ein bärtiger Komet,
Den noch kein Auge sah, wird sich herunter neigen
Und ehrfurchtsvoll sich Ihro Majestät
Versuchtem Adlerblicke zeigen.
Indes man also schwatzte, trat
Ein Greis mit kahlem Haupt und bloßer Ferse
Dem König in den Weg und bat
Um ein Geschenk aus seiner Börse.
Allein Alphons ward seiner nicht gewahr;
Der Alte trabt ihm nach und hält den Hut ihm dar;
Doch der Monarch sprach ohne stillzustehen
Nur immerfort: Ich werde heut
Die Menschen in dem Monde sehen.
Nun fasset ihn der Greis bei seinem Purpurkleid
Und ruft mit hohem Ernst: Sie wohnen nicht dort oben,
Herr, deine Brüder, deren Not
Zu lindern Gott dich auf den Thron erhoben,
Hier sind sie, hier, und fordern Brot.
Alphons der Weise
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Alphons der Weise“ von Gottlieb Konrad Pfeffel ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen Wissen, Gelehrsamkeit und tatsächlicher Verantwortung eines Herrschers. Der Titelheld, König Alphons, wird als Gelehrter dargestellt, dessen Interesse am Firmament und der Astronomie seine Pflichten gegenüber seinem Volk in den Schatten stellt. Die ersten Verse beschreiben Alphons‘ Vorliebe für das Wissen über die Sterne, die ihn von den Belangen seines Reiches ablenkt. Pfeffel kritisiert hier subtil die Tendenz zur Weltflucht und zur Vernachlässigung des irdischen Daseins zugunsten abstrakter Studien.
Die Pointe des Gedichts liegt in der Begegnung mit dem Bettler. Während Alphons sich in seinen wissenschaftlichen Ambitionen verliert und davon träumt, Menschen auf dem Mond zu sehen, ignoriert er die Not seiner Untertanen, die direkt vor ihm um Hilfe bitten. Die Höflinge, die ihn umgeben, sehen die Situation richtig und lenken ihn auf einen imaginären Kometen, um ihre eigene Rolle als Schmeichler und Profiteure zu bekräftigen. Pfeffel nutzt die satirische Darstellung, um die Heuchelei und das Eigeninteresse am Hof zu entlarven. Der alte Mann, der den König am Ende an seine Pflichten erinnert, repräsentiert die Stimme des Volkes, die nach Gerechtigkeit und Unterstützung schreit.
Das Gedicht bedient sich einer einfachen, doch eindringlichen Sprache, um seine Botschaft zu vermitteln. Der Kontrast zwischen Alphons‘ abgehobenen Ambitionen und der Realität der Armut und Not des Volkes wird durch die direkte Ansprache des alten Mannes und die drastische Gegenüberstellung von „oben“ (Mond) und „hier“ (Erde) verdeutlicht. Pfeffel arbeitet mit rhetorischen Mitteln, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die soziale Ungleichheit und die Verantwortlichkeit eines Herrschers zu lenken. Die Ironie liegt darin, dass Alphons‘ Gelehrsamkeit ihn blind für die wirklichen Probleme seines Reiches macht.
„Alphons der Weise“ ist somit eine Kritik an der Entfremdung des Herrschers von seinem Volk und eine Mahnung an die Bedeutung von Verantwortungsbewusstsein und sozialer Gerechtigkeit. Das Gedicht zeigt, dass wahre Weisheit nicht nur in der Gelehrsamkeit, sondern auch in der Fähigkeit liegt, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und zu erfüllen. Pfeffel zeichnet ein Bild, in dem wissenschaftliches Interesse die politische und soziale Verantwortung verdrängt und das Gedicht somit eine zeitlose Moralpredigt darstellt, die bis heute Gültigkeit besitzt.
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