Alpenszene

Franz Grillparzer

1872

Hoch auf den höchsten Höhen Gedeiht am besten das Rindvieh, Da wohnen die seligen Trotteln Dem Himmel etwa am nächsten, Doch freilich am fernsten der Erde.

Sie scheren geduldige Schafe, Sie melken die strotzenden Kühe, Sie leben vom Fette der Herden, In Form der Köpfe die Kröpfe.

Sie falten die Hände voll Andacht, Bekreuzen hohltönende Stirnen. Was unten geschieht in den Tälern, Stört nicht ihre selige Ruhe.

Geduldig sind sie, bescheiden, Es fehlt der Antrieb zum Bösen, Und tun sie wirklich ein Unrecht, Wärs unrecht, sie drob zu beschuldgen, Und Nachsicht ersetzt ihre Einsicht.

So leben sie friedliche Tage, Erzeugen maulaffende Kinder, Der Vater erneut sich im Sohne Und ruhig auf Trottel den Ersten, Wie Butter, folgt Trottel der Zweite.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Alpenszene

Interpretation

Das Gedicht "Alpenszene" von Franz Grillparzer schildert eine ironische und kritische Darstellung des alpinen Lebens. Grillparzer zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die in den höchsten Höhen lebt, fernab der Zivilisation. Die Menschen dort werden als "selige Trottel" bezeichnet, was ihre Einfachheit und Begrenztheit auf humorvolle Weise hervorhebt. Sie sind den Himmel nah, aber der Erde fern, was ihre Abgeschiedenheit und ihre mangelnde Verbindung zur modernen Welt symbolisiert. Die Beschreibung ihrer täglichen Tätigkeiten – Schafe scheren, Kühe melken und vom Fett der Herden leben – unterstreicht ihre bäuerliche Existenz. Grillparzer verwendet Ausdrücke wie "geduldige Schafe" und "strotzende Kühe", um die Einfachheit und den Mangel an intellektueller Tiefe zu betonen. Die Menschen werden als geduldig, bescheiden und ohne den Antrieb zum Bösen dargestellt, was ihre Unschuld und Naivität unterstreicht. Ihre Handlungen sind geprägt von Andacht und Ruhe, ungestört von den Geschehnissen in den Tälern. Grillparzer kritisiert subtil die mangelnde Einsicht und den Mangel an intellektueller Entwicklung dieser Gesellschaft. Die Nachsicht, die ihnen entgegengebracht wird, ersetzt ihre Einsicht, was auf eine gewisse Bevormundung und Geringschätzung hindeutet. Die Fortpflanzung "maulaffender Kinder" und die Wiederholung des Trottel-Seins von Generation zu Generation verdeutlichen die Stagnation und den Mangel an Fortschritt. Grillparzer verwendet den Vergleich "Wie Butter, folgt Trottel der Zweite", um die Kontinuität und Unveränderlichkeit dieses Zustands zu betonen.

Schlüsselwörter

leben unrecht trottel hoch höchsten höhen gedeiht besten

Wortwolke

Wortwolke zu Alpenszene

Stilmittel

Alliteration
Hoch auf den höchsten Höhen
Anapher
Sie scheren geduldige Schafe, Sie melken die strotzenden Kühe, Sie leben vom Fette der Herden
Hyperbel
Dem Himmel etwa am nächsten
Ironie
Die seligen Trotteln
Kontrast
Doch freilich am fernsten der Erde
Metapher
In Form der Köpfe die Kröpfe
Personifikation
Geduldig sind sie, bescheiden