Alp
1848Ich stellte den Stuhl nicht an die Wand, Und wandte die Schuh am Bett nur halb, Und nahm den Daumen nicht in die Hand, Da kam des Nachts der böse Alp. Er bohrte durch ein Wandloch sacht, Ich dacht, und nahm es genau in acht: »Sollst dich auf mir nicht wiegen, Wart, wart, ich will dich kriegen!« Und als er zur Wand hereingeschlüpft, Und auf den Zehen leise ging, Da war ich zum Loch an der Wand gehüpft Und stopft es zu, da schrie das Ding Mit seiner Stimm: »o Pein, o Pein, Nun muß ich hier gefangen sein! O weh, wie werden weinen Zu Hause meine Kleinen! –
»O Menschlein, wimmert er bitterlich: Hab sieben Kinderchen zu Haus, Die müssen verhungern fürchterlich, O Menschenkind, laß mich hinaus.« Da sprach ich: »komm nicht wieder herein.« Da sprach er: »nein, gewiß nicht, nein.« Kaum daß ich ihm aufmachte . . . Husch! war er hinaus, und lachte. –
Und wie er so lachte, ging ich nach, Und als ich vor die Haustür kam, War er schon unten an dem Bach: Ich sah, wie er ein Ruder nahm, Und lief hinab und hielt den Kahn: Da winselt er von neuem dort Und sah zuletzt mich drohend an. Ich ließ den Kahn, – da glitt er fort! – Mich überkam ein Grauen Vor seinen Augenbrauen!
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Interpretation
Das Gedicht "Alp" von August Kopisch handelt von einem nächtlichen Kampf zwischen dem lyrischen Ich und einem mythischen Wesen, dem Alp, das den Schlafenden heimsucht. Der Sprecher hat bewusst einige Verhaltensregeln missachtet, um den Alp herauszufordern, der daraufhin durch ein Wandloch eindringt. Doch der Sprecher ist vorbereitet und versperrt dem Alp den Rückweg, wodurch er in eine missliche Lage gerät. Der Alp versucht, das Mitleid des Sprechers zu erregen, indem er vorgibt, eine Familie zu haben, die ohne ihn hungern müsste. Der Sprecher lässt sich darauf ein und öffnet ihm die Tür, doch der Alp nutzt die Gelegenheit zur Flucht und lacht über den hereinfallenden Menschen. Der Sprecher verfolgt ihn bis an einen Bach, wo der Alp ein Boot besteigen will. Auch hier versucht er es erneut mit Mitleid heischenden Worten, doch der Sprecher lässt ihn gewähren. Der Anblick der finsteren Augenbrauen des Alpes erfüllt den Sprecher jedoch mit Grauen. Das Gedicht thematisiert den Kampf des Menschen gegen die dunklen Mächte der Nacht und des Unbewussten. Der Alp verkörpert dabei die Ängste und Albträume, die den Schlafenden heimsuchen können. Der Sprecher versucht, die Kontrolle über diese Ängste zu erlangen, indem er den Alp in die Enge treibt. Doch dieser bleibt schlauer und entkommt am Ende, wobei er den Sprecher mit seinem abschließenden Blick in Furcht und Schrecken versetzt. Das Gedicht vermittelt somit eine ambivalente Botschaft: Der Mensch kann sich seinen Ängsten stellen, doch ganz entkommen kann er ihnen nicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Sollst dich auf mir nicht wiegen, Wart, wart, ich will dich kriegen!
- Bildsprache
- Mich überkam ein Grauen Vor seinen Augenbrauen!
- Dialog
- O Menschlein, wimmert er bitterlich: Hab sieben Kinderchen zu Haus
- Ironie
- Da sprach er: 'nein, gewiß nicht, nein.' Kaum daß ich ihm aufmachte . . . Husch! war er hinaus, und lachte.
- Personifikation
- Und als er zur Wand hereingeschlüpft, Und auf den Zehen leise ging