Alma von Goethe

Franz Grillparzer

1872

Das hast du nicht gedacht, Gewaltger du, Als du noch weiltest in der Menschheit Schlacken, Dass einst dein Enkelkind frühzeitge Ruh Soll finden in dem “Lande der Phäaken”.

Und dass der Mann, der schüchtern vor dir stand, Den Blick gesenkt vorm hehren Strahl des deinen, Am fabelgleichen fernen Isterstrand Bei ihrem offnen Grabe werde weinen.

Es kommt so manches anders, als man meint, Und ist gekommen, warst du gleich der Weise. Die Sonne, wenn sie hoch im Mittag scheint, Senkt schon zum Untergang sich mählich leise.

Nach neuen Zonen wendet sich der Geist Und lässt, was blank, in grauen Dunkel rosten, Ist doch, was uns der ferne Westen heißt, Für andre Völker auch zugleich ein Osten.

So drang dein Wort, so kam dein Enkelkind In unsre Morgenrot-bestrahlte Fluren; Hoch schlug mein Herz, verschönt, wie Weiber sind, In ihr zu finden deiner Züge Spuren.

Und so trat ich, zu huldgen, in den Saal, Wo schon das Teegerät die Tische krönte, Die Frau begrüßend, deines Sohnes Wahl, Die dir des Lebens Abendrot verschönte.

Doch war kein weiblich Wesen sonst im Kreis, Nur Herren, schwarz, als wär ein Sarg zur Stelle. Da öffnet sich die Tür, und hell und weiß Tritt kinderhaft das Mädchen auf die Schwelle.

Die ich gedacht mir in der Hoheit Schein, Von angestammter Herrlichkeit erglänzend, Ein Teebrett in den Händen, trat sie ein, Demütig Brot zum heißen Trank kredenzend.

Doch wars, als ob, dem Erlenkönig gleich, Des Ahnherrn Geist ob ihrem Scheitel schwebte, Und sie, das Kind, dem Kind im Liede gleich, Vorm Anhauch einer geistgen Ladung bebte.

Wie an dem Eichstamm, den der Blitz geneigt, Die Blume hell empor die Blätter richtet, Als ob nicht dein Erzeugter sie erzeugt, Als ob ihr Ahn sie Klärchen-gleich gedichtet.

Sie fühlte wohl den Wink der fernen Hand, Die Sehnsucht nach dem Land der reinen Lilien, Und ging dahin, so stamm- als wahlverwandt, Verwaisend und verdoppelnd die Ottilien.

Du aber schaust mit ernstem Blick herab, Wo sie der Grund, Beethoven nah, verschlungen, Und sprichst kopfschüttelnd ob dem frühen Grab: “Das war dir an der Wiege nicht gesungen!”

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Illustration zu Alma von Goethe

Interpretation

Das Gedicht "Alma" von Franz Grillparzer ist eine Elegie, die sich mit den unerwarteten Wendungen des Lebens und der Vergänglichkeit menschlicher Existenz auseinandersetzt. Es reflektiert über das Schicksal von Johann Wolfgang von Goethes Enkelin Alma und ihre Verbindung zu ihrem berühmten Großvater. Der erste Teil des Gedichts beschreibt, wie Goethe sich nicht hätte vorstellen können, dass seine Enkelin Alma ein frühes Ende im "Lande der Phäaken" (ein poetischer Ausdruck für den Tod) finden würde. Es wird auch erwähnt, dass Grillparzer selbst bei ihrem Grab weinen würde, was eine tiefe emotionale Verbindung zu Alma andeutet. Im zweiten Teil geht es um die Unberechenbarkeit des Lebens und die Vergänglichkeit aller Dinge. Die Sonne, die am höchsten Punkt steht, beginnt bereits zu sinken, was als Metapher für die Vergänglichkeit des Lebens dient. Grillparzer betont, dass sich der Geist nach neuen Horizonten ausrichtet und dass das, was für eine Kultur der Westen ist, für eine andere der Osten sein kann. Der letzte Teil des Gedichts beschreibt Grillparzers Begegnung mit Alma. Er erwartet eine würdevolle Frau, findet aber ein schüchternes, fast kindliches Mädchen vor, das Tee serviert. Dieses Mädchen erinnert ihn an die Figur des "Erlkönigs" aus Goethes Dichtung, was auf eine geistige Verwandtschaft hindeutet. Alma wird als eine Blume dargestellt, die trotz ihrer Herkunft eigenständig und einzigartig ist. Der Schluss des Gedichts zeigt Goethe, wie er von oben auf das Schicksal seiner Enkelin blickt und die Unberechenbarkeit des Lebens anerkennt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Teegerät die Tische krönte
Anspielung
Beethoven nah
Hyperbel
Das war dir an der Wiege nicht gesungen
Kontrast
Doch war kein weiblich Wesen sonst im Kreis, Nur Herren, schwarz, als wär ein Sarg zur Stelle
Metapher
Als ob ihr Ahn sie Klärchen-gleich gedichtet
Personifikation
Die Sonne, wenn sie hoch im Mittag scheint, Senkt schon zum Untergang sich mählich leise
Symbolik
Land der Phäaken
Vergleich
Wie an dem Eichstamm, den der Blitz geneigt, Die Blume hell empor die Blätter richtet