Alles in Dir

Gerrit Engelke

1918

In Dir, o Mensch, ist alles: In Dir ist der Schlaf und das Wache: In Dir ist die Zeit. Und ohne Dich ist keine Zeit. In Dir ist die Zeit Und die Fülle der Zeit: Der qualmende Dampfer, Die rollende Bahn, Der eiserne Lärm Und das Schweigen des Domes. Der Stein und der Mörtel: Das Haus und die Stadt. In Dir ist die Fülle Des zeitlichen Werkes.

In Dir, o Mensch, ist alles: Die mordende Hand Und das Künstler-Gehirn, - Das ruchlose, stinkende Wort Und das schwellende, schwebende Lied. Die Liebe um Liebe: Die Liebe der männlichen Stärke Zu weiblicher Weichheit. Und trübe verzehrende Liebe Der Gleichen zu Gleichem. Ist Beides in Dir: Der Gott und das Böse.

In Dir, o Mensch, ist Alles: Das trinkende Ohr Und der Antworten speiende Mund. Der nehmende Mund Und der scheidende Darm - Der bohrende Keim Und der schwellende Schoß: Der aufsaugende Anfang, Das ausbrechende Sein. Ist Beides in Dir: Der schäumende Anfang, Das reifende Ende, Das Ende, Das wieder nur Anfang, Ist Alles, o Alles in Dir!

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Illustration zu Alles in Dir

Interpretation

Das Gedicht "Alles in Dir" von Gerrit Engelke ist eine tiefgründige Betrachtung über die menschliche Existenz und ihre Vielschichtigkeit. Engelke betont, dass der Mensch die Zeit und alles, was in ihr existiert, in sich trägt. Er beschreibt, wie der Mensch sowohl die ruhigen als auch die lauten Momente des Lebens in sich birgt, symbolisiert durch den "qualmenden Dampfer" und das "Schweigen des Domes". Die Stadt mit ihren Häusern und Straßen ist ebenfalls in ihm enthalten, was die Verbindung des Menschen zur materiellen Welt verdeutlicht. Engelke geht weiter darauf ein, dass der Mensch sowohl das Gute als auch das Böse in sich trägt. Er erwähnt die "mordende Hand" und das "Künstler-Gehirn", das "ruchlose, stinkende Wort" und das "schwellende, schwebende Lied". Diese Gegenüberstellung zeigt die Dualität der menschlichen Natur. Die Liebe in all ihren Formen, von der leidenschaftlichen Liebe zwischen den Geschlechtern bis zur selbstzerstörerischen Liebe Gleichgesinnter, ist ebenfalls ein zentrales Thema. Engelke stellt fest, dass sowohl "der Gott und das Böse" in uns existieren, was die Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Seele unterstreicht. Im letzten Teil des Gedichts konzentriert sich Engelke auf die physischen Aspekte des Lebens. Er beschreibt den Zyklus von Aufnahme und Ausscheidung, von Anfang und Ende. Der "trinkende Ohr" und der "Antworten speiende Mund" sowie der "nehmende Mund" und der "scheidende Darm" symbolisieren die Prozesse des Lebens. Der "bohrende Keim" und der "schwellende Schoß" stehen für Schöpfung und Fortpflanzung. Engelke schließt mit der Aussage, dass alles im Menschen enthalten ist, von "dem schäumenden Anfang" bis "dem reifenden Ende", und dass das Ende nur ein neuer Anfang ist. Dies verdeutlicht die ewige Wiederkehr und die Unendlichkeit des Lebenszyklus.

Schlüsselwörter

zeit liebe mensch anfang fülle schwellende beides mund

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Stilmittel

Anapher
In Dir, o Mensch, ist alles: In Dir ist der Schlaf und das Wache: In Dir ist die Zeit.
Chiasmus
Der nehmende Mund Und der scheidende Darm
Hyperbel
o Alles in Dir!
Kontrast
Der Gott und das Böse.
Metapher
Das Künstler-Gehirn
Parallelismus
Der qualmende Dampfer, Die rollende Bahn, Der eiserne Lärm Und das Schweigen des Domes.
Personifikation
Das trinkende Ohr Und der Antworten speiende Mund.