Allerbarmen
1882An dem Bauernhaus vorüber Schritt ich eilig, weil mir grauste, Weil im dumpfen Hof ein trüber, Brütender Kretine hauste.
Schaudernd warf ich einen halben Blick in seinen feuchten Kerker - Eben war die Zeit der Schwalben, Wo sie baun an Dach und Erker.
Den Enterbten sah ich kauern, Über seiner Lagerstätte Blitzten Schwalben um die Mauern, Nester bauend um die Wette.
Der erloschne Blick erfreute Sich, in einem kleinen blauen Raum das Werk der Schwalben heute, Dieses kluge Werk zu schauen.
Blitzend kreiste das Geschwirre An dem engen Horizonte, Und das Lachen klang, das irre, Drin sich doch der Himmel sonnte.
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Interpretation
Das Gedicht "Allerbarmen" von Conrad Ferdinand Meyer handelt von einem beklemmenden Zusammentreffen mit einem geistig behinderten Menschen auf dem Land. Der Sprecher eilt an einem Bauernhaus vorbei, da ihn der Anblick des dort lebenden Kretins abstößt. Doch ein kurzer Blick in den "feuchten Kerker", in dem der Enterbte kauert, lässt den Sprecher innehalten. In diesem Moment ist die Zeit der Schwalben, die emsig an den Dachtraufen und Erkern ihre Nester bauen. Der geistig behinderte Mann, der sonst keinen Sinn im Leben zu haben scheint, verfolgt mit leuchtenden Augen das geschäftige Treiben der Vögel. Das "kluge Werk" der Schwalben fasziniert ihn sichtlich und lässt für einen Augenblick den "erloschnen Blick" erfreuen. Doch das Lachen, das aus dem "kleinen blauen Raum" des Mannes dringt, klingt irre und unheimlich. Es scheint, als würde sich in diesem Wahnsinn eine Ahnung von der Schönheit und Klugheit der Natur widerspiegeln - ein Hauch von Himmel inmitten des Irrenlagers. Das Gedicht beschreibt eindringlich die Begegnung mit dem geistig Behinderten und deutet gleichzeitig eine tiefe Menschlichkeit an, die sich hinter der äußeren Abstoßung verbirgt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Der erloschne Blick erfreute
- Personifikation
- Darin sich doch der Himmel sonnte