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Allegorie

Von

Ein wundervolles Weib, herrlich und stolz die Glieder,
Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder.
Der Liebe Gift, der Trank, den die Spelunke braut,
Sie gleiten spurlos ab am Marmor ihrer Haut.
Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren
Der beiden Drachen, die da streicheln und versehren,
Und im Vernichtungsspiel doch immer noch verschont
Die strenge Hoheit, die im festen Körper wohnt.
Ruhend der Haremsfrau, der Göttin gleich im Schreiten
Wird in der Lust sie dir des Orients Rausch bereiten;
Mit ihren Armen, die sie weit geöffnet hält,
Winkt sie der Menschheit zu, umfängt sie eine Welt.
Sie glaubt, sie weiss es, sie, die grosse Unfruchtbare,
Die unentbehrlich doch im Gang der Weltenjahre,
Dass Schönheit ein Geschenk so wundervoller Art,
Dass jedem Frevel schon durch sie Entsühnung ward.
Sie achtet Hölle nicht, nicht Fegefeuers Wehen,
Und ruft die Stunde einst, den schwarzen Pfad zugehen,
Dann wendet sie den Blick zum Tod hin ohne Scheu,
Ein Kind, ganz unschuldvoll, ganz ohne Hass und Reu.

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Gedicht: Allegorie von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Allegorie“ von Charles Baudelaire präsentiert eine komplexe und vielschichtige Interpretation der Schönheit. Es ist ein Portrait einer Frau, die nicht nur äußerliche Anmut verkörpert, sondern auch eine innere Stärke und Unberührtheit besitzt. Die „herrlichen und stolzen Glieder“ und das „weingefüllte Haar“ deuten auf sinnliche Reize hin, die jedoch durch die anschließenden Verse konterkariert werden.

Die Frau scheint über den Versuchungen der Welt zu stehen. Das „Gift der Liebe“ und das „Begehren“ der „wilden Lust“ scheinen an ihr abzugleiten, ohne sie zu beeinflussen. Sie lacht dem Tod und der Lust, was ihre Unsterblichkeit und ihre Distanziertheit von den alltäglichen Freuden und Leiden des Lebens andeutet. Die „strenge Hoheit“, die in ihrem „festen Körper“ wohnt, betont ihre innere Festigkeit und Unabhängigkeit. Sie wird als Göttin dargestellt, die über den Dingen steht, die sie nicht berühren.

Die Paradoxie, die das Gedicht ausmacht, liegt in der Gegenüberstellung von Sinnlichkeit und Unberührtheit. Die Frau wird als verführerisch beschrieben, aber zugleich als unantastbar. Sie bietet „des Orients Rausch“ an, bleibt aber selbst distanziert und scheinbar unfruchtbar. Dies deutet auf eine Schönheit hin, die nicht nur Anziehungskraft ausübt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, sich über diese Anziehungskraft zu erheben. Sie ist sich ihrer Wirkung bewusst und sieht die Schönheit als ein Geschenk, durch das jede Schuld gesühnt werden kann.

Der abschließende Teil des Gedichts zeigt die Frau, wie sie dem Tod ohne Furcht entgegensieht. Diese Szene verstärkt den Eindruck ihrer Unberührtheit und Unschuld. Sie blickt auf den „schwarzen Pfad“ ohne Scheu, „ganz unschuldvoll, ganz ohne Hass und Reu“. Dieser letzte Akt deutet auf eine Akzeptanz des Todes und eine Gelassenheit im Angesicht des Unvermeidlichen, was ihre Allegorie der Schönheit zu einer tiefgründigen Meditation über die Natur der Schönheit und ihre Beziehung zum Leben und Tod macht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.