Allegorie
1857Ein wundervolles Weib, herrlich und stolz die Glieder, Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder. Der Liebe Gift, der Trank, den die Spelunke braut, Sie gleiten spurlos ab am Marmor ihrer Haut. Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren Der beiden Drachen, die da streicheln und versehren, Und im Vernichtungsspiel doch immer noch verschont Die strenge Hoheit, die im festen Körper wohnt. Ruhend der Haremsfrau, der Göttin gleich im Schreiten Wird in der Lust sie dir des Orients Rausch bereiten; Mit ihren Armen, die sie weit geöffnet hält, Winkt sie der Menschheit zu, umfängt sie eine Welt. Sie glaubt, sie weiss es, sie, die grosse Unfruchtbare, Die unentbehrlich doch im Gang der Weltenjahre, Dass Schönheit ein Geschenk so wundervoller Art, Dass jedem Frevel schon durch sie Entsühnung ward. Sie achtet Hölle nicht, nicht Fegefeuers Wehen, Und ruft die Stunde einst, den schwarzen Pfad zugehen, Dann wendet sie den Blick zum Tod hin ohne Scheu, Ein Kind, ganz unschuldvoll, ganz ohne Hass und Reu.
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Interpretation
Das Gedicht "Allegorie" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt eine faszinierende und geheimnisvolle Frau, die als Symbol für Schönheit und Sinnlichkeit dient. Sie wird als stolz und herrlich dargestellt, mit wallendem Haar und makelloser Haut, die unempfänglich für die Vergänglichkeit und das Gift der Liebe ist. Die Frau verkörpert eine unberührte Reinheit und Stärke, die selbst den Versuchungen der "zwei Drachen" – ein Symbol für zerstörerische Leidenschaft – widersteht. Sie ist gleichzeitig Haremsfrau und Göttin, die mit ihrer Anziehungskraft die Welt um sich versammelt und den Rausch des Orients verkörpert. Ihre Schönheit wird als ein wunderbares Geschenk beschrieben, das selbst Sünden vergeben und die Welt im Gleichgewicht halten kann. Die Frau wird als "große Unfruchtbare" bezeichnet, was ihre Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit unterstreicht. Sie ist unentbehrlich für den Lauf der Zeit und der Welt, obwohl sie selbst keine Nachkommen zeugt. Ihre Schönheit wird als eine Art Erlösung verstanden, die jeden Frevel entsühnt und sie über die Furcht vor Hölle und Fegefeuer erhebt. Sie blickt dem Tod mit kindlicher Unschuld und ohne Reue entgegen, was ihre vollkommene Hingabe an die Schönheit und das Leben symbolisiert. Die Allegorie verdeutlicht die Macht der Schönheit, die über das menschliche Dasein hinausgeht und als ewige, unantastbare Kraft wirkt. Baudelaire nutzt die Allegorie, um die ambivalente Natur der Schönheit zu erforschen – sie ist zugleich verlockend und gefährlich, vergänglich und ewig. Die Frau im Gedicht verkörpert die Idee, dass Schönheit eine transzendente Qualität besitzt, die über moralische Urteile und die Vergänglichkeit des Lebens hinausgeht. Sie ist ein Symbol für die menschliche Sehnsucht nach Vollkommenheit und die Fähigkeit der Kunst, diese Vollkommenheit einzufangen und zu verewigen. Das Gedicht reflektiert Baudelaires typische Themen wie die Spannung zwischen Verfall und Ewigkeit, Sinnlichkeit und Spiritualität sowie die Rolle der Schönheit als Brücke zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [strenge Hoheit, die im festen Körper wohnt Der Haremsfrau, der Göttin gleich im Schreiten]
- Enjambement
- [Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder. / Der Liebe Gift, der Trank, den die Spelunke braut, Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren / Der beiden Drachen, die da streicheln und versehren,]
- Hyperbel
- [Ein wundervolles Weib, herrlich und stolz die Glieder Sie glaubt, sie weiss es, sie, die grosse Unfruchtbare]
- Kontrast
- [Und im Vernichtungsspiel doch immer noch verschont / Die strenge Hoheit, die im festen Körper wohnt Ein Kind, ganz unschuldvoll, ganz ohne Hass und Reu]
- Metapher
- [Ein wundervolles Weib, herrlich und stolz die Glieder Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder Die beiden Drachen, die da streicheln und versehren Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren Mit ihren Armen, die sie weit geöffnet hält Sie glaubt, sie weiss es, sie, die grosse Unfruchtbare Die unentbehrlich doch im Gang der Weltenjahre]
- Personifikation
- [Sie lacht dem Tod und höhnt der wilden Lust Begehren Und ruft die Stunde einst, den schwarzen Pfad zugehen]
- Symbolik
- [Zum weingefüllten Kelch wallt ihr das Haar hernieder Der Liebe Gift, der Trank, den die Spelunke braut Die beiden Drachen, die da streicheln und versehren]