Alle

Conrad Ferdinand Meyer

1898

Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume. Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume Sah ich den Herrn das Brot den zwölfen brechen Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen. Weit über ihre Häupter lud die Erde Er ein mit allumarmender Gebärde.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben, Da breiteten sich unter tausend Händen Die Tische, doch verdämmerten die Enden In grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen Kummergestalten sassen ungerufen.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute, Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens, Da streckte keine Schale sich vergebens, Da lag das ganze Volk auf vollen Garben, Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.

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Interpretation

Das Gedicht "Alle" von Conrad Ferdinand Meyer ist eine visionäre Darstellung der geistigen Nahrung und der universalen Liebe, die über alle Grenzen hinweg reicht. In drei Strophen wird eine spirituelle Erfahrung beschrieben, bei der der Erzähler von einem Geist dazu aufgefordert wird, nach oben zu schauen und dabei verschiedene Szenen zu beobachten. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Inklusion und der göttlichen Fürsorge, die sich auf alle Menschen erstreckt. In der ersten Strophe wird eine Szene aus dem letzten Abendmahl dargestellt, bei der Jesus Christus das Brot bricht und es den zwölf Aposteln reicht. Die "ahnungsvollen Liebesworte" deuten auf die bevorstehende Kreuzigung und Auferstehung Jesu hin. Die "allumarmende Gebärde" des Herrn symbolisiert die bedingungslose Liebe und die Einladung an alle Menschen, an diesem Mahl teilzuhaben, unabhängig von ihrer Stellung oder Herkunft. Die zweite Strophe zeigt eine Erweiterung des Mahls, das nun auch anderen Menschen zugänglich gemacht wird. Die Tische breiten sich unter tausend Händen aus, doch es gibt noch immer Menschen, die "ungerufen" und in "Kummergestalten" auf "bleichen Stufen" sitzen. Diese Bilder suggerieren, dass trotz der Ausdehnung des Angebots der göttlichen Liebe und Nahrung noch immer einige von ihr ausgeschlossen oder sich selbst ausgeschlossen fühlen. Die dritte Strophe präsentiert eine Vision des vollkommenen und allumfassenden Mahls, bei dem "das ganze Volk auf vollen Garben" liegt. Die "reichen Brunnen des Lebens" und die "volle Garben" symbolisieren Überfluss und Fülle. Der Erzähler sieht ein Bild der Vollkommenheit, in dem "kein Platz leer" ist und "keiner darben" darf, was eine Utopie der universellen Fürsorge und des Teilens darstellt. Das Gedicht endet mit der Vision einer Welt, in der jeder genug hat und niemand hungern muss, was als Metapher für geistige und körperliche Sättigung verstanden werden kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
In lichtem Wolkenraume / Sah ich den Herrn das Brot den zwölfen brechen
Hyperbel
Da lag das ganze Volk auf vollen Garben, / Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.
Metapher
Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.
Personifikation
Es sprach der Geist: Sieh auf!
Symbolik
das Brot den zwölfen brechen