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Alle Kreatur Gottes ist gut

Von

Dort in Nazareth am letzten Hause,
Wo das Kleeblatt hoher Palmen raget,
Wo vom dunkelblauen Sommerhimmel
An der blendendweißen Gartenmauer
Glühend heiß die Morgensonne brennet,
Lag ein toter Hund im Staub der Straße,
Sei’s, dass er im Hunger dort verdorben,
Sei’s, dass er vor Alter da verendet.

Und die Leute, so des Weges kommen,
Bleiben bei dem Tiere müßig stehen,
Spotten sein: — zum Geier, ruft der Eine,
Mit dem Aase, das die Luft verpestet!
Und ein Andrer murrt, warum der Nachbar
Nicht den Gräuel aus dem Wege schaffe?
Und ein Dritter zählt die dürren Rippen,
Höhnt die steifen ausgereckten Beine; —
Mit den Füßen trat man ihm im Leben,
Lässt kein gutes Haar ihm noch im Tode. –

Sieh, da kommt von ungefähr die Straße
Jesus her, der Sohn des Zimmermanns,
Noch nicht dreißig Jahre zählt der Jüngling,
Edlen Ganges kommt er, sanfter Mienen,
Himmlische Gedanken in der Seele,
Tritt bescheiden in den Kreis der Spötter,
Schaut aufs arme Tier mit mildem Blicke:
„Schön sind seine Zähne, weiß wie Perlen,“
Spricht er sanft und wendet sich zu gehen.

Also sieht im hässlichsten Geschöpfe
Noch ein liebend Aug‘ des Schöpfers Spuren;
Der den Schächer sterbend wird begnaden,
Gönnet auch ein Lob dem toten Hunde.

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Gedicht: Alle Kreatur Gottes ist gut von Karl von Gerok

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Alle Kreatur Gottes ist gut“ von Karl von Gerok ist eine bewegende Reflexion über Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Wertschätzung allen Lebens, selbst in seinem vermeintlich unwürdigsten Zustand. Es zeichnet ein Bild von der harschen Reaktion der Menschen auf einen toten Hund, bevor es die sanfte, verständnisvolle Reaktion Jesu gegenüberstellt. Die zentrale Botschaft des Gedichts ist, dass Gott in jeder Kreatur, egal wie unansehnlich sie erscheinen mag, etwas Gutes sieht und dass auch die Menschheit dazu aufgerufen ist, dies zu erkennen und zu würdigen.

Die ersten beiden Strophen beschreiben die Reaktion der Passanten auf den toten Hund. Sie zeigen eine erschreckende Gleichgültigkeit und sogar Verachtung. Die Menschen spotten über das Tier, verhöhnen es und verlangen, dass es entfernt wird. Diese Szene ist ein Spiegelbild menschlicher Herzlosigkeit und der Tendenz, das zu verachten, was als unrein, hässlich oder wertlos angesehen wird. Die Beschreibung des Hundes selbst – „im Staub der Straße“, „dürren Rippen“, „steifen ausgereckten Beinen“ – verstärkt das Bild der Hoffnungslosigkeit und des Leidens, das von den Menschen offenbar ignoriert oder sogar verspottet wird.

Der Wendepunkt des Gedichts kommt mit dem Erscheinen Jesu. Er betritt die Szene und reagiert völlig anders als die anderen. Anstatt sich den Spöttern anzuschließen oder das Tier zu verachten, blickt er es mit Milde an und spricht über dessen Schönheit: „Schön sind seine Zähne, weiß wie Perlen“. Diese unerwartete Reaktion zeigt Jesu tiefe Empathie und seine Fähigkeit, das Gute in allem zu sehen. Es ist eine Botschaft der Hoffnung und der Liebe, die über die menschliche Urteilsfähigkeit hinausgeht. Jesu Kommentar offenbart eine Perspektive, in der selbst das Todgeweihte, das Abgelebte, die Würde Gottes, die seine Schöpfung ist, repräsentiert.

Die abschließende Strophe fasst die Moral des Gedichts zusammen. Sie verdeutlicht, dass selbst im „hässlichsten Geschöpfe“ Spuren des Schöpfers, Gottes, zu finden sind. Die Zeile „Der den Schächer sterbend wird begnaden“ verweist auf die christliche Lehre von der Barmherzigkeit Gottes, die auch über den Tod hinausreicht. Das Gedicht schließt mit der Erkenntnis, dass Gott auch dem toten Hund sein Lob gönnt, was die Botschaft der bedingungslosen Liebe und der Wertschätzung aller Kreaturen bekräftigt. Es ist eine Aufforderung an den Leser, über das Offensichtliche hinauszublicken und die Schönheit und den Wert selbst in den scheinbar Unwürdigsten zu erkennen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.