Alle bey Gott, die sich lieben

Achim von Arnim

1801

Mündlich.

Es hatt′ ein Herr ein Töchterlein, Mit Nahmen hieß es Annelein, Ein Herrn wollt man ihr geben, Frau Markgräfin sollte es werden.

Ach Vater ich nehm noch keinen Mann, Ich bin nicht älter dann elf Jahr, Ich bin ein Kind und sterb fürwahr.

Es stund nicht an ein halbes Jahr, Das Fräulein mit dem Kinde ging, Sie bat ihren Herrn im Guten, Er sollt jezt holen ihre Mutter.

Und als er in den finstern Wald einritt, Ihm seine Schwieger entgegen schritt: »Wo habt ihr dann euer Fräulein?«

Mein Fräulein liegt in großer Noth, Fürcht, wenn wir kommen, sei sie schon todt; Mein Fräulein liegt in Ehren Ein Kind soll sie gebähren.

Und als er über die Heide ritt, Ein Hirtlein hört er pfeifen, Ein Glöcklein hört er läuten.

Ei Hirtlein, liebes Hirtlein mein, Was läutet man im Klösterlein, Läutet man um die Vesperzeit, Oder läutet man um eine Todten Leich?

Man läutet um eine Todten Leich! Es ist dem jungen Markgrafen Sein Fräulein mit dem Kind entschlafen.

Und als er zu dem Thor einritt, Und als er in den Hof einritt, Drei Lichter sieht er brennen, Drei Schüler Knaben singen.

Und als er in die Stube kam Sein Fräulein in der Bahre lag, Das Kindlein in ihren Armen lag.

Er küßt sie an ihren bleichen Mund, Jezt bist du todt und nimmer gesund. Er küßt sein Kindlein an ihrem Arm, Das Gott erbarm, das Gott erbarm.

Die Mutter die war ganz allein, Die sezt sich an ein harten Stein, Vor Leid brach ihr das Herz entzwei.

Da zog er aus sein glitzerich Schwerd, Und stachs sich selber durch sein Herz: Er sprach, ists nicht ein Straf von Gott, Vier Leichen in eines Fürsten Schloß.

Es stand nicht länger als drei Tag, Drei Lilien wuchsen auf des Fräuleins Grab, Die erste weiß, die andre schwarz.

Die schwarz dem kleinen Kindlein war, Weil es noch nicht getaufet war; Auf der dritten war wohl geschrieben: Sie sind all bei Gott, die sich lieben.

Den Herrn, den gräbt man wieder aus, Legt ihn zum Annelein ins Gotteshaus, Da liegen vier Leichen zusammen, Das Gott erbarme. Amen!

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Illustration zu Alle bey Gott, die sich lieben

Interpretation

Das Gedicht "Alle bey Gott, die sich lieben" von Achim von Arnim erzählt die tragische Geschichte eines jungen Mädchens namens Annelein, das gegen ihren Willen mit einem Markgrafen verheiratet werden soll. Obwohl sie erst elf Jahre alt ist und sich noch als Kind betrachtet, wird sie zur Frau gezwungen. Die Geschichte entwickelt sich zu einem tragischen Drama, in dem Annelein in großer Not liegt und ein Kind gebären muss. Die Erzählung wird von einem Hirten begleitet, der den Markgrafen über den Tod von Annelein und ihrem Kind informiert. Das Gedicht beschreibt den schmerzlichen Abschied des Markgrafen von seiner verstorbenen Frau und seinem Kind. Er küsst sie auf die bleichen Lippen und fleht zu Gott um Erbarmen. Die Mutter, die allein zurückbleibt, stirbt vor Kummer. Der Markgraf, von Schuldgefühlen geplagt, sticht sich selbst ins Herz und beklagt die vier Leichen im Schloss des Fürsten. Auf dem Grab von Annelein wachsen drei Lilien, die die Unschuld des Kindes und den tragischen Verlauf der Geschichte symbolisieren. Die Inschrift auf der dritten Lilie besagt: "Sie sind all bei Gott, die sich lieben." Das Gedicht endet mit der Bestattung des Markgrafen neben Annelein im Gotteshaus, wo nun vier Leichen zusammen liegen. Die letzte Zeile, "Das Gott erbarme. Amen!", unterstreicht die Hoffnung auf göttliches Erbarmen und den Trost, dass alle Liebenden bei Gott sind. Die Geschichte ist ein bewegendes Beispiel für die Tragik unerfüllter Liebe und die Konsequenzen von Zwangsheirat und Gewalt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Allegorie
Sie sind all bei Gott, die sich lieben
Alliteration
Mit Nahmen hieß es Annelein
Anapher
Es hatt′ ein Herr ein Töchterlein
Bildlichkeit
Drei Lichter sieht er brennen, / Drei Schüler Knaben singen
Direkte Rede
Wo habt ihr dann euer Fräulein?
Enjambement
Sie bat ihren Herrn im Guten, / Er sollt jezt holen ihre Mutter.
Hyperbel
Vier Leichen in eines Fürsten Schloß
Ironie
Es ist dem jungen Markgrafen / Sein Fräulein mit dem Kind entschlafen
Kontrast
Die erste weiß, die andre schwarz
Metapher
Vier Leichen in eines Fürsten Schloß
Personifikation
Die Mutter die war ganz allein
Reimschema
Töchterlein - geben - werden - Jahr - wahr - ging - Guten - Mutter - einritt - schritt - Noth - todt - Ehren - ritt - pfeifen - läuten - Leich - entschlafen - einritt - brennen - singen - kam - lag - Mund - gesund - Arm - allein - Stein - Herz - Schwerd - Herz - Gott - Schloß - Tag - Grab - war - aus - Gotteshaus - zusammen - erbarme
Symbolik
Drei Lilien wuchsen auf des Fräuleins Grab
Wiederholung
Das Gott erbarm, das Gott erbarm