Aganippe und Phiala

Friedrich Gottlieb Klopstock

1798

Wie der Rhein im höheren Thal fern herkomt, Rauschend, als käm Wald und Felsen mit ihm, Hochwogig erhebt sich sein Strom, Wie das Weltmeer die Gestade

Mit gehobner Woge bestürmt! Als donnr′ er, Rauschet der Strom, schäumt, fliegt, stürzt sich herab Ins Blumengefild′, und im Fall Wird er Silber, das emporstäubt.

So ertönt, so strömt der Gesang; Thuiskon, Deines Geschlechts. Tief lags, Vater, und lang In säumendem Schlaf, unerweckt Von dem Aufschwung und dem Tonfall

Des Apollo, wenn, der Hellänen Dichter, Phöbus Apoll Lorbern, und dem Eurot Gesänge des höheren Flugs In dem Lautmaass der Natur sang,

Und den Hain sie lehrt′, und den Strom. Weitrauschend Halltest du′s ihm, Strom, nach, Lorber, und du Gelinde mit lispelndem Wehn, Wie der Nachhall des Eurotas.

Und Thuiskons Enkel entsprang tiefträumend, Eiserner Schlaf, dir nicht, eiserner Schlaf! Dir nicht; und erhabner erscholl Von den Palmen um Phiala

Doch ihm auch Prophetengesang! Kaum stammelnd Hört′ er ihn schon! Früh sang, selber entflamt, Die Mutter dem Knaben ihn vor, Und dem Jüngling, dass er staunte!

Mit dem Schilfmeer braust′ er! entscholl Garizim, Donnert′ am Bach Kison, tönt′ auf der Höh Moria, dass laut von dem Psalm Vom Hosanna sie erbebte!

An dem Rebenhügel, ergoss die Klage Sulamiths sich; Wehmuth, über dem Graun Des Tempels in Trümmern, der Stadt In der Hülle des Entsetzens!

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Illustration zu Aganippe und Phiala

Interpretation

Das Gedicht "Aganippe und Phiala" von Friedrich Gottlieb Klopstock handelt von der Entstehung und Entwicklung des Gesangs, der als mächtiger Strom beschrieben wird, der aus tiefen Quellen entspringt und sich zu einem donnernden Fluss entwickelt. Der Gesang wird mit dem Rhein verglichen, der aus den Bergen herabstürzt und sich in ein silbernes Wasserfall verwandelt, was die Schönheit und Kraft der Poesie symbolisiert. Das Gedicht erzählt die Geschichte von Thuiskon, dem Vater des Geschlechts, der in tiefem Schlaf lag, bis der Gesang ihn erweckte. Der Gesang wird mit dem Gesang des Apollo verglichen, der den Lorbeer und den Eurotas mit seinen Liedern schmückte. Der Gesang wird auch mit dem Hosanna verglichen, das auf den Hügeln von Moria widerhallte und die Erde erbeben ließ. Das Gedicht endet mit der Klage von Sulamith, die ihre Trauer über den Untergang des Tempels und der Stadt ausdrückt. Der Gesang wird als mächtige Kraft beschrieben, die die Welt verändern kann und die Menschen in ihren Bann zieht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Gelinde mit lispelndem Wehn
Anspielung
An dem Rebenhügel, ergoss die Klage Sulamiths sich
Bildsprache
Wehmuth, über dem Graun des Tempels in Trümmern
Hyperbel
Und erhabner erscholl von den Palmen um Phiala
Metapher
Wie der Nachhall des Eurotas
Personifikation
Eiserner Schlaf
Vergleich
Wie das Weltmeer die Gestade bestürmt