Affrontenburg

Heinrich Heine

1854

Die Zeit verfließt, jedoch das Schloß, Das alte Schloß mit Turm und Zinne Und seinem blöden Menschenvolk, Es kommt mir nimmer aus dem Sinne.

Ich sehe stets die Wetterfahn, Die auf dem Dach sich rasselnd drehte. Ein jeder blickte scheu hinauf, Bevor er nur den Mund auftäte.

Wer sprechen wollt, erforschte erst Den Wind, aus Furcht, es möchte plötzlich Der alte Brummbär Boreas Anschnauben ihn nicht sehr ergötzlich.

Die Klügsten freilich schwiegen ganz - Denn ach, es gab an jenem Orte Ein Echo, das im Wiederklatsch Boshaft verfälschte alle Worte.

Inmitten im Schloßgarten stand Ein sphinxgezierter Marmorbronnen, Der immer trocken war, obgleich Gar manche Träne dort geronnen.

Vermaledeiter Garten! Ach, Da gab es nirgends eine Stätte, Wo nicht mein Herz gekränket ward, Wo nicht mein Aug geweinet hätte.

Da gabs wahrhaftig keinen Baum, Worunter nicht Beleidigungen Mir zugefüget worden sind Von feinen und von groben Zungen.

Die Kröte, die im Gras gelauscht, Hat alles mitgeteilt der Ratte, Die ihrer Muhme Viper gleich Erzählt, was sie vernommen hatte.

Die hats gesagt dem Schwager Frosch - Und solcherweis erfahren konnte Die ganze schmutzge Sippschaft stracks Die mir erwiesenen Affronte.

Des Gartens Rosen waren schön, Und lieblich lockten ihre Düfte; Doch früh hinwelkend starben sie An einem sonderbaren Gifte.

Zu Tod ist auch erkrankt seitdem Die Nachtigall, der edle Sprosser, Der jenen Rosen sang sein Lied; - Ich glaub, vom selben Gift genoß er.

Vermaledeiter Garten! Ja, Es war, als ob ein Fluch drauf laste; Manchmal am hellen lichten Tag Mich dort Gespensterfurcht erfaßte.

Mich grinste an der grüne Spuk, Er schien mich grausam zu verhöhnen, Und aus den Taxusbüschen drang Alsbald ein Ächzen, Röcheln, Stöhnen.

Am Ende der Allee erhob Sich die Terrasse, wo die Wellen Der Nordsee, zu der Zeit der Flut, Tief unten am Gestein zerschellen.

Dort schaut man weit hinaus ins Meer. Dort stand ich oft in wilden Träumen. Brandung war auch in meiner Brust - Das war ein Tosen, Rasen, Schäumen -

Ein Schäumen, Rasen, Tosen wars, Ohnmächtig gleichfalls wie die Wogen, Die kläglich brach der harte Fels, Wie stolz sie auch herangezogen.

Mit Neid sah ich die Schiffe ziehn Vorüber nach beglückten Landen - Doch mich hielt das verdammte Schloß Gefesselt in verfluchten Banden.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Affrontenburg

Interpretation

Das Gedicht "Affrontenburg" von Heinrich Heine ist eine poetische Darstellung einer tiefen persönlichen Enttäuschung und des Gefühls der Gefangenschaft. Die Zeit vergeht, aber die Erinnerung an das Schloss und seine Bewohner bleibt unvergessen. Die Atmosphäre im Schloss ist von Angst und Misstrauen geprägt, wo selbst die Klügsten schweigen, da Worte leicht verzerrt und missbraucht werden. Der Garten, einst ein Ort der Schönheit, ist zu einem Symbol der Verletzung und des Schmerzes geworden, wo jede Pflanze und jedes Lebewesen eine Quelle des Leids darstellt. Die Natur im Garten ist vergiftet, was sich in den Rosen zeigt, die frühzeitig welken, und in der Nachtigall, die an demselben Gift stirbt. Der Garten ist von einem Fluch befallen, der Angst und Unbehagen hervorruft. Die Gespensterfurcht und die unheimlichen Geräusche aus den Taxusbüschen verstärken das Gefühl der Bedrohung und des Unheils. Am Ende des Gartens erhebt sich eine Terrasse, von der aus man weit ins Meer blicken kann. Hier steht der lyrische Ich oft in wilden Träumen, während in seiner Brust eine Brandung tobt. Die Sehnsucht nach Freiheit und nach fernen, glücklichen Ländern ist groß, doch das Schloss hält ihn gefangen. Die Schiffe, die vorüberziehen, symbolisieren die Freiheit und das unerreichbare Glück, während das Schloss die Fesseln der Vergangenheit und der unausweichlichen Erinnerungen darstellt.

Schlüsselwörter

schloß zeit alte gab stand vermaledeiter garten rosen

Wortwolke

Wortwolke zu Affrontenburg

Stilmittel

Metapher
Gefesselt in verfluchten Banden
Personifikation
Der alte Brummbär Boreas
Symbolik
Ein sphinxgezierter Marmorbronnen
Vergleich
Ohnmächtig gleichfalls wie die Wogen