Aesopus und der Muthwillige

Friedrich von Hagedorn

1754

Aesop bewies zu seiner Zeit Die schwerste Kunst in unsern Tagen, Die Kunst, die Narren zu ertragen, Die Zunft, die immer sich verneut. Ein Bube, den nichts fröhlich machte, Als was er für recht neckisch hielt, Warf einen Stein auf ihn, und lachte, Daß er so meisterlich gezielt.

Der Weise sprach: Wer so viel kann, Der muß auch baaren Dank erlangen. Du wirst von Reichen mehr empfangen, Von mir nimm diesen Stater an. Dort seh′ ich einen Kaufmann gehen, Des reichen Chremes stolzen Sohn: An dem laß deine Künste sehen, Von dem erwarte deinen Lohn.

Ihm folgt der Thor mit schneller Hand. Er wirft, er trifft, er wird ergriffen, Und, von dem Pöbel ausgepfiffen, Dem Kerkermeister zugesandt. Ob er dafür ans Kreuz gekommen, Wie Phädrus schreibt: das weiß ich nicht. Dies wissen ich und viele Frommen: Ein Narr ist auch ein Bösewicht.

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Illustration zu Aesopus und der Muthwillige

Interpretation

Das Gedicht "Aesopus und der Muthwillige" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte des weisen Fabeldichters Aesop, der von einem frechen Jungen mit einem Stein beworfen wird. Der Knabe lacht über seine eigene "meisterliche" Treffsicherheit und zeigt damit seinen Mangel an Respekt und Verständnis für Aesops Weisheit. Aesop jedoch reagiert nicht mit Zorn, sondern mit einer klugen und berechnenden Antwort. Er lobt die Fähigkeiten des Jungen und gibt ihm einen Stater, eine antike Münze, als Belohnung. Anschließend schickt er den Jungen zu einem reichen Kaufmann, Chremes' Sohn, in der Hoffnung, dass dieser die gleiche Behandlung erfährt und dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass Hagedorn die Gefahren von Unvernunft und Boshaftigkeit aufzeigt. Der Junge, der Aesop mit einem Stein bewirft, ist ein Symbol für die Narren und Bösewichter, die in der Gesellschaft existieren. Aesop, als weiser Mann, erkennt die Notwendigkeit, solche Menschen zu ertragen, aber auch die Wichtigkeit, sie für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen. Die Geschichte endet mit einer moralischen Lehre: Ein Narr ist auch ein Bösewicht. Dies impliziert, dass Unvernunft und Böswilligkeit oft Hand in Hand gehen und dass die Gesellschaft wachsam sein muss, um solche Charaktere zu erkennen und angemessen zu behandeln. Das Gedicht kann auch als eine Warnung vor den Konsequenzen des eigenen Handelns verstanden werden. Der Junge, der glaubt, einen klugen Streich gespielt zu haben, wird am Ende von der Gesellschaft bestraft. Dies zeigt, dass unüberlegte und schädliche Handlungen unweigerlich zu negativen Folgen führen. Hagedorn nutzt die Figur des Aesop, um die Bedeutung von Weisheit und Besonnenheit zu betonen. Der Weise weiß, wie man mit Narren umgeht, ohne selbst zum Narren zu werden, und erkennt die Notwendigkeit, Gerechtigkeit walten zu lassen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Ihm folgt der Thor mit schneller Hand. Er wirft, er trifft, er wird ergriffen
Ironie
Du wirst von Reichen mehr empfangen, Von mir nimm diesen Stater an
Metapher
Aesop bewies zu seiner Zeit die schwerste Kunst in unsern Tagen, Die Kunst, die Narren zu ertragen
Moralische Lehre
Ein Narr ist auch ein Bösewicht
Personifikation
Die Zunft, die immer sich verneut
Vorahnung
Dort seh′ ich einen Kaufmann gehen, Des reichen Chremes stolzen Sohn: An dem laß deine Künste sehen, Von dem erwarte deinen Lohn