Advent

Paul Heyse

1924

Am Himmel Wolkenjagd, bleifarb′ge Helle, In Frost erschauernd lag die Flur, die nackte; Fern sah herüber spukhaft der Soracte, Und lautlos schlich die gelbe Tiberwelle.

Ein junges Hirtenpaar, in Ziegenfelle Gehüllt, schritt mit dem Dudelsack im Takte Dem Tore zu, bis sie die Wache packte Und unsanft sie hinwegwies von der Schwelle.

Erblichen ist in Rom, ihr guten Kinder, Der Stern, der einst in Bethlehem erglommen. Der Felsen Petri ward zur schroffen Klippe.

Und pochtet ihr am Vatikan, noch minder Wär′ dort die Mahnung an den Stall willkommen, Wo einst das Heil der Welt lag in der Krippe.

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Illustration zu Advent

Interpretation

Das Gedicht "Advent" von Paul Heyse beschreibt eine düstere und karge Winterlandschaft, die die Stimmung der Zeit widerspiegelt. Der Himmel ist von bleifarbener Helle erfüllt, während die Erde in Frost erstarrt und kahl daliegt. Der Soracte, ein Berg bei Rom, erscheint in der Ferne spukhaft, und der Tiber fließt lautlos mit gelber Welle dahin. Diese Bilder vermitteln eine Atmosphäre der Kälte und Einsamkeit, die den Advent einleitet. Ein junges Hirtenpaar, in Ziegenfelle gehüllt, tritt auf den Plan. Mit einem Dudelsack im Takt schreiten sie dem Tor zu, doch werden sie von der Wache unsanft von der Schwelle weggewiesen. Diese Szene symbolisiert die Ablehnung und das Unverständnis der Menschen für die wahre Bedeutung des Advent. Die Hirten, die in der biblischen Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle spielen, werden hier als Fremde behandelt und zurückgewiesen. Heyse kontrastiert die gegenwärtige Situation mit der Vergangenheit, als der Stern von Bethlehem noch leuchtete und die Geburt Christi in einem Stall gefeiert wurde. In Rom, dem Zentrum des Christentums, ist der Stern erloschen, und der Felsen Petri, der auf den Apostel Petrus und das Papsttum verweist, ist zu einer schroffen Klippe geworden. Dies deutet auf den Verlust der ursprünglichen Botschaft und die Verhärtung der religiösen Institutionen hin. Das Gedicht endet mit einer Mahnung an die Leser, die am Vatikan klopfen. Selbst dort wäre die Erinnerung an den Stall, in dem das Heil der Welt lag, nicht willkommen. Heyse kritisiert damit die Entfremdung der Kirche von den einfachen, bescheidenen Wurzeln des Christentums. Die wahre Botschaft des Advent, die Demut und die Geburt Christi in einem Stall, ist in den prunkvollen Mauern des Vatikans nicht mehr präsent.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Wo einst das Heil der Welt lag in der Krippe
Personifikation
und lautlos schlich die gelbe Tiberwelle