Achtundvierzig

Kurt Tucholsky

1890

Siebzig Jahre ist das nun her. Siebzig Jahre wiegen so schwer. Schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten, Vater Wrangels Musketen knatterten - Wofür?

Wie glühten die Herzen! wie glühten die Köpfe! Kampf! Kampf gegen die Bürgertröpfe, gegen die nickenden Zipfelmützen - Klatschen in trübe Fürstenpfützen - Und dann?

Der große Sieg in den siebziger Jahren ist uns verdammt in die Krone gefahren. Die Krone gleißte. Die Bürger krochen. Die treusten deutschen Herzen pochen im Proletariat.

Und dann? Die versprochenen herrlichen Zeiten! Und dann? Wir wollen gen Frankreich reiten! Und dann? Wir kämpfen gegen zwei Welten, Herz und Hirn haben den Deubel zu gelten - Jetzt sitzt er in Holland.

Wofür, mein Gott, hat die Freiheit geblutet? Wofür wurden Männer und Mädchen geknutet? Spartakus! Deutsche! So öffnet die Augen! Sie warten, euch Blut aus den Adern zu saugen - Der Feind steht rechts!

Zerfleischt euch nicht das eigene Herz! Denkt an die Barrikaden im März -! Wir litten so viel. Wollen wir nicht endlich Weltbürger werden? Wir haben nur einen Feind auf Erden: den deutschen Schlemihl!

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Illustration zu Achtundvierzig

Interpretation

Das Gedicht "Achtundvierzig" von Kurt Tucholsky beschäftigt sich mit der deutschen Revolution von 1848 und deren Folgen. Tucholsky blickt siebzig Jahre zurück auf die Hoffnungen und Ideale, die mit der Revolution verbunden waren, und kontrastiert sie mit der Realität, die sich danach entwickelte. Der Dichter beschreibt die Begeisterung und den Kampfgeist der Revolutionäre, die sich gegen die "Bürgertröpfe" und die "Fürstenpfützen" auflehnten. Er fragt jedoch kritisch, was aus diesen Idealen geworden ist. Der "große Sieg" führte zu einer glänzenden Krone, unter der die Bürger kriechen mussten, während die treusten Herzen im Proletariat schlagen. Tucholsky kritisiert die verpassten Chancen und die Abkehr von den ursprünglichen Zielen. Er erwähnt den Wunsch, "nach Frankreich zu reiten" und gegen zwei Welten zu kämpfen, was auf nationalistische und imperialistische Tendenzen hindeutet. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Deutschen, ihre Augen zu öffnen und sich nicht gegenseitig zu zerfleischen, sondern endlich zu Weltbürgern zu werden. Der "deutsche Schlemihl" wird als der einzige Feind ausgemacht, was auf die selbstzerstörerischen Tendenzen der deutschen Geschichte anspielt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Achtundvierzig

Stilmittel

Alliteration
Schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten
Anapher
Und dann? Die versprochenen herrlichen Zeiten! Und dann? Wir wollen gen Frankreich reiten! Und dann? Wir kämpfen gegen zwei Welten
Metapher
Kampf gegen die Bürgertröpfe
Personifikation
Herz und Hirn haben den Deubel zu gelten
Rhetorische Frage
Wofür, mein Gott, hat die Freiheit geblutet?
Symbolik
Schwarz-rot-goldene Fahnen
Übertreibung
Sie warten, euch Blut aus den Adern zu saugen