Ach, wenn ich nur der Schemel wär

Heinrich Heine

1880

XXXIV

(Der Kopf spricht:)

Ach, wenn ich nur der Schemel wär, Worauf der Liebsten Füße ruhn! Und stampfte sie mich noch so sehr, Ich wollte doch nicht klagen tun.

(Das Herz spricht:)

Ach, wenn ich nur das Kißchen wär, Wo sie die Nadeln steckt hinein! Und stäche sie mich noch so sehr, Ich wollte mich der Stiche freun.

(Das Lied spricht:)

Ach, wär ich nur das Stück Papier, Das sie als Papillote braucht! Ich wollte heimlich flüstern ihr Ins Ohr, was in mir lebt und haucht.

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Illustration zu Ach, wenn ich nur der Schemel wär

Interpretation

Das Gedicht "Ach, wenn ich nur der Schemel wär" von Heinrich Heine thematisiert die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer tiefen, fast schon unterwürfigen Verbindung zur geliebten Person. In drei Strophen sprechen unterschiedliche Teile des Ichs – der Kopf, das Herz und das Lied – jeweils ihren Wunsch aus, ein Gegenstand der Geliebten zu sein. Der Kopf wünscht sich, der Schemel zu sein, auf dem die Füße der Geliebten ruhen, und nimmt dabei auch in Kauf, von ihr getreten zu werden. Das Herz sehnt sich danach, das Kissen zu sein, in das sie ihre Nadeln steckt, und erfreut sich sogar an den Schmerzen, die ihr dadurch zugefügt werden. Das Lied schließlich wünscht sich, das Papier zu sein, das sie als Papillote verwendet, um ihr ins Ohr flüstern zu können, was in ihm lebt und haucht. Die Übertragung menschlicher Gefühle auf unbelebte Objekte verdeutlicht die Intensität der Liebe und die Bereitschaft, für die Geliebte zu leiden oder zu dienen. Die Ironie und der Witz Heines kommen in der Übertreibung dieser Wünsche zum Ausdruck, die gleichzeitig komisch und berührend wirken. Die Geliebte bleibt dabei eine ferne, fast göttliche Figur, deren bloße Anwesenheit oder Berührung den Sprecher in einen Zustand der Verzückung versetzt. Die letzten Zeilen, in denen das Lied von sich selbst spricht, fügen eine weitere Ebene hinzu: die Idee, dass Kunst und Poesie als Medium dienen können, um unausgesprochene Gefühle und Sehnsüchte auszudrücken. Die Struktur des Gedichts, mit den drei unterschiedlichen Stimmen, schafft eine vielschichtige Darstellung der Liebe, die sowohl körperliche als auch emotionale und künstlerische Dimensionen umfasst. Heine nutzt die Form des lyrischen Ichs, um die Komplexität menschlicher Gefühle und die paradoxe Natur der Liebe zu erforschen, in der Schmerz und Freude, Unterwerfung und Erhebung eng miteinander verwoben sind. Das Gedicht bleibt somit ein zeitloses Zeugnis der menschlichen Sehnsucht nach Verbindung und der kreativen Wege, auf denen diese Sehnsucht zum Ausdruck gebracht werden kann.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Apostrophe
Der Kopf, das Herz und das Lied sprechen direkt zum Leser
Hyperbel
Die Bereitschaft, von der Geliebten getreten, gestochen oder geflüstert zu werden, übertreibt die Hingabe
Metapher
Der Schemel, das Kißchen und das Stück Papier stehen metaphorisch für den Wunsch, der Geliebten nahe zu sein
Personifikation
Der Kopf, das Herz und das Lied werden als sprechende Wesen dargestellt