Ach nur einmal noch im Leben!

Eduard Mörike

1845

Im Fenster jenes alt verblichnen Gartensaals Die Harfe, die, vom leisen Windhauch angeregt, Lang ausgezogne Toene traurig wechseln laesst In ungepflegter Spaetherbst-Blumen-Einsamkeit, Ist schoen zu hoeren einen langen Nachmittag. Nicht voellig unwert ihrer holden Nachbarschaft Stoehnt auf dem grauen Zwingerturm die Fahne dort, Wenn stuermischer oft die Wolken ziehen ueberhin.

In meinem Garten aber (hiess’ er nur noch mein!) Ging so ein Hinterpfoertchen frei ins Feld hinaus, Abseits vom Dorf. Wie manches liebe Mal stiess ich Den Riegel auf an der geschwaerzten Gattertuer Und bog das ueberhaengende Gestraeuch zurueck, Indem sie sich auf rostgen Angeln schwer gedreht! - Die Tuer nun, musikalisch mannigfach begabt, Fuer ihre Jahre noch ein ganz annehmlicher Sopran (wenn sie nicht eben wetterlaunisch war), Verriet mir eines Tages - ploetzlich, wie es schien, Erweckt aus einer lieblichen Erinnerung - Ein schoeneres Empfinden, hoehere Faehigkeit. Ich oeffne sie gewohnter Weise, da beginnt Sie zaertlich eine Arie, die mein Ohr sogleich Bekannt ansprach. Wie? rief ich staunend: traeum ich denn? War das nicht “Ach nur einmal noch im Leben” ganz? Aus Titus, wenn mir recht ist? - Alsbald liess ich sie Die Stelle wiederholen; und ich irrte nicht! Denn langsamer, bestimmter, seelenvoller nun Da capo sang die Alte: “Ach nur einmal noch!” Die fuenf, sechs ersten Noten naemlich, weiter kaum, Hingegen war auch dieser Anfang tadellos. - Und was, frug ich nach einer kurzen Stille sie, Was denn noch einmal? Sprich, woher, Elegische, Hast du das Lied? Ging etwa denn zu deiner Zeit (Die neunziger Jahre meint ich) hier ein schoenes Kind, Des Pfarrers Enkeltochter, sittsam aus und ein, Und hoertest du sie durch das offne Fenster oft Am gruenlackierten, goldbebluemten Pantalon Hellstimmig singen? Des gestrengen Muetterchens Gedenkst du auch, der Hausfrau, die so reinlich stets Den Garten hielt, gleichwie sie selber war, wann sie Nach schwuelem Tag am Abend ihren Kohl begoss, Derweil der Pfarrherr ein paar Freunden aus der Stadt, Die eben weggegangen, das Geleite gab; Er hatte sie bewirtet in der Laube dort, Ein lieber Mann, redseliger Weitschweifigkeit. Vorbei ist nun das alles und kehrt nimmer so! Wir Juengern heutzutage treibens ungefaehr Zwar gleichermassen, wackre Leute ebenfalls; Doch besser duenkt ja allen was vergangen ist. Es kommt die Zeit, da werden wir auch ferne weg Gezogen sein, den Garten lassend und das Haus. Dann wuenschest du naechst jenen Alten uns zurueck, Und schmueckt vielleicht ein treues Herz vom Dorf einmal, Mein denkend und der Meinen, im Voruebergehn Dein morsches Holz mit hellem Ackerblumenkranz.

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Illustration zu Ach nur einmal noch im Leben!

Interpretation

Das Gedicht "Ach nur einmal noch im Leben!" von Eduard Mörike handelt von der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und der Schönheit der Erinnerungen. Der Dichter beschreibt einen alten Garten, in dem eine Harfe melancholische Klänge von sich gibt, und eine Fahne auf einem Turm, die im Wind stöhnt. Diese Bilder symbolisieren die Vergänglichkeit und das Verstreichen der Zeit. Der Fokus des Gedichts liegt jedoch auf einem bestimmten Gartentor, das der Dichter einst oft öffnete. Dieses Tor, das wie ein musikalischer Sopran klingt, erinnert ihn plötzlich an ein Lied aus seiner Vergangenheit. Das Lied "Ach nur einmal noch im Leben" aus der Oper Titus weckt in ihm Erinnerungen an ein schönes Mädchen, die Enkelin des Pfarrers, die oft durch das offene Fenster sang. Der Dichter reflektiert über die vergangene Zeit und die Menschen, die einst diesen Garten bevölkerten. Er denkt an die strenge Mutter, die den Garten pflegte, und den redseligen Pfarrer, der Freunde bewirtete. Diese Erinnerungen sind für ihn wertvoll und machen die Vergangenheit zu etwas Besonderem, das er vermisst. Am Ende des Gedichts drückt der Dichter die Hoffnung aus, dass, wenn er und seine Generation fortgezogen sind, ein treues Herz aus dem Dorf an ihn denkt und das morsche Holz des Gartentors mit einem Kranz aus Ackerblumen schmückt. Dies symbolisiert die Kontinuität der Erinnerung und die Verbundenheit mit der Vergangenheit, selbst wenn die Zeit vergeht und sich die Menschen verändern.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Die Wiederholung von 'Ach nur einmal noch im Leben' betont die Sehnsucht und das Verlangen des Sprechers.
Bildsprache
Die Beschreibung des 'alten, verblichnen Gartensaals' und der 'unangepflegten Spaetherbst-Blumen-Einsamkeit' schafft eine lebendige Vorstellung.
Erinnerung
Die Tür wird als 'musikalisch mannigfach begabt' beschrieben und erinnert den Sprecher an ein Lied aus der Vergangenheit.
Ironie
Die Ironie liegt darin, dass die 'treuen Herzen vom Dorf' vielleicht eines Tages den Sprecher und seine Familie vergessen werden, obwohl sie jetzt noch geschätzt werden.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem alten, verwilderten Garten und dem 'grauen Zwingerturm' mit der 'Fahne' wird hervorgehoben.
Metapher
Die Harfe wird als lebendiges Wesen dargestellt, das von dem Windhauch 'angeregt' wird und 'traurig wechselnde Töne' spielt.
Personifikation
Die Harfe wird personifiziert, da sie 'traurig wechselnde Töne' spielt.
Rhetorische Frage
Die Frage 'Was denn noch einmal?' regt den Leser zum Nachdenken über die Bedeutung des Liedes an.
Symbolik
Die 'Fahne' auf dem Turm könnte als Symbol für vergangene Größe oder Erinnerungen stehen.
Vergangenheit vs. Gegenwart
Der Sprecher reflektiert über die Vergangenheit und vergleicht sie mit der Gegenwart, was einen Kontrast zwischen damals und heute schafft.