Ach, da ich bei dir saß

Paul Heyse

1872

Ach, da ich bei dir saß, So außer mir, Und wußte mich so ganz in dir, Wie hoch war das!

Der Seele tiefe Flut War unbewußt Des engen Ufers ihrer Brust.

Und wie sie überschwoll Und in sich schlang All deiner Seele Flutendrang, War′s selig grauenvoll, Als schauerten vereint die Wogen bang;

Wie an dem Tag Da Gottes Liebe webender Hauch Über den dunkeln Wassern lag.

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Illustration zu Ach, da ich bei dir saß

Interpretation

Das Gedicht "Ach, da ich bei dir saß" von Paul Heyse handelt von einer tiefen, fast überwältigenden emotionalen Erfahrung, die der Sprecher in der Nähe der geliebten Person macht. Die Intensität dieser Begegnung lässt den Sprecher die Grenzen seiner eigenen Seele und die seiner Begleiterin verschwimmen, als ob sie in einem gemeinsamen, tiefen Gefühl verschmelzen. Die Metapher der Seele als Flut, die über die Ufer tritt, vermittelt die Idee, dass die Emotionen so stark sind, dass sie die Grenzen des Selbst überschreiten und in eine gemeinsame, fast mystische Einheit übergehen. Die Beschreibung der Seele als "tiefe Flut" und das Bild des unbewussten Ufers ihrer Brust betonen die Tiefe und die unkontrollierbare Natur dieser Emotionen. Der Sprecher fühlt sich von der Intensität dieser Gefühle überwältigt, die sowohl schmerzhaft als auch erhaben sind. Das "selig grauenvoll" beschreibt ein Gefühl, das sowohl von Glückseligkeit als auch von Angst geprägt ist, ähnlich wie die Wellen, die sich in einem Sturm vereinen. Diese Metapher unterstreicht die chaotische und zugleich faszinierende Natur der emotionalen Erfahrung. Der letzte Vers des Gedichts verweist auf die Schöpfungsgeschichte, in der der "liebende Hauch" Gottes über den Wassern lag. Diese Anspielung deutet darauf hin, dass die emotionale Erfahrung des Sprechers eine Art Schöpfung oder Neugeburt darstellt, eine heilige und transformative Begegnung, die die Grenzen des Selbst auflöst und in eine höhere, fast göttliche Einheit führt. Das Gedicht vermittelt somit die Idee, dass die Liebe eine Kraft ist, die nicht nur die Individuen verbindet, sondern auch eine transzendente, fast religiöse Dimension hat.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Wie hoch war das!
Hyperbel
So außer mir
Metapher
Der Seele tiefe Flut
Personifikation
Des engen Ufers ihrer Brust
Vergleich
Wie an dem Tag Da Gottes Liebe webender Hauch Über den dunkeln Wassern lag