Abziehendes Gewitter

Arno Holz

1863

Gegen eine dunkele, dumpf verrollende, schrägschwarz abziehende Wetterwand, aus der mich noch die letzten schweren, stürzenden Schlossen treffen, plötzlich, die Luft wird licht, die Lachen flimmern, der gärende, wählende, weißgrau brodelnde Himmel über mir jählings, zerreißt, sprühblitzt … die Sonne!

Jagende Wolken! Blendendes Blau! Ins grüne Gras greift der Wind, Silberweiden sträuben sich.

Den Kopf vorgeduckt, die Augen fast zu, den Hut in die Stirn, kämpfe ich mich durch den fegend sausenden, stürmisch brausenden, entfesselt tobenden Frühlingsaufruhr!

Mit einem Mal, die Brust atmet auf, mein Mantel flattert nichtg mehr, ich blicke erstaunt um mich alles … still.

Der ganze Spektakel, Lärm und Tumult, kein Blättchen rührt sich, kein Hälmchen schwankt, auch nicht das leiseste, sanfteste, zarteste Lüftchen mehr, wie weggeblasen!

Erquickende, friedliche, glasklare Frische! Der Himmel glänzt, eine kleine Meise singt wieder, ich spüre wohligste Wärme.

Auf einem jungen Erlenbaum, regenbogenschillernd, edelsteinfunkelnd, märchenbunt, leuchtwiegen, blinkdrehen, spiegelschaukeln sich spielschwebend, tanzhangende, seligkeitszitternde Tropfen!

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Illustration zu Abziehendes Gewitter

Interpretation

Das Gedicht "Abziehendes Gewitter" von Arno Holz schildert den dramatischen Übergang von einem stürmischen Unwetter zu einer friedlichen, erfrischenden Atmosphäre. Zu Beginn wird ein dunkles, bedrohliches Gewitter beschrieben, das mit schweren Schauern und gärendem Himmel naht. Plötzlich reißt der Himmel auf, die Sonne bricht durch und ein stürmischer Frühlingsaufruhr setzt ein. Der Sprecher kämpft sich durch diesen turbulenten Zustand, bis alles abrupt still wird. Der Tumult legt sich, kein Blatt bewegt sich mehr, und eine erfrischende, friedliche Klarheit breitet sich aus. Der Himmel leuchtet, eine Meise singt, und eine wohlige Wärme wird spürbar. Das Gedicht endet mit einem Bild von Regentropfen, die auf einem jungen Erlenbaum in bunten, schillernden Farben spielen und tanzen, was einen magischen, märchenhaften Abschluss bildet. Die Struktur des Gedichts folgt dem natürlichen Verlauf eines Gewitters, beginnend mit der Bedrohung, über den Höhepunkt des Sturms bis hin zur Ruhe danach. Holz verwendet lebendige, sinnliche Bilder, um die Intensität des Wetters und die damit verbundenen Emotionen zu vermitteln. Die plötzlichen Wechsel in der Atmosphäre spiegeln sich in der Dynamik der Sprache wider, die von hektisch und turbulent zu ruhig und friedlich übergeht. Die Verwendung von Alliterationen und rhythmischen Mustern verstärkt den Eindruck von Bewegung und Energie im Gedicht. Das Gedicht kann als Metapher für das Leben und seine Höhen und Tiefen interpretiert werden. Das Gewitter symbolisiert die Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen man begegnet, während die anschließende Ruhe und Erfrischung die Hoffnung und Erneuerung darstellen, die nach überstandenen Krisen folgen. Die bunten Regentropfen am Ende könnten als Symbol für die Schönheit und den Reichtum des Lebens verstanden werden, die oft erst nach turbulenten Zeiten sichtbar werden. Holz vermittelt eine Botschaft der Resilienz und der Fähigkeit, in der Natur und im Leben Schönheit und Frieden zu finden, selbst nach den heftigsten Stürmen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
seligkeitszitternde Tropfen
Metapher
Erquickende, friedliche, glasklare Frische
Personifikation
sich spielschwebend, tanzhangende, seligkeitszitternde Tropfen