Abwehr
unknownGewahr′ ich Deiner Augen banges Suchen, Ihr liebevolles Hangen an den meinen, So steigt in mir empor ein wildes Weinen, Und mein und Dein Geschick möcht′ ich verfluchen.
Ich weiß, Du bist mir grenzenlos ergeben, Und jede Stunde zeigt es mir aufs neue, Und doch verbittert diese Liebestreue, So rührend schön und süß, mein ganzes Leben.
Zu trautem Glück willst Du mein Sein beschränken, Ein stilles Leben soll ich bei Dir führen - Und meine tiefste Wollust ist: zu Denken,
Dem Rätsel unsres Daseins nachzuspüren. Ich kann Dir nicht mein Ich als Mitgift schenken, Um stillvergnügt im Erdenstaub zu schüren.
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Interpretation
Das Gedicht "Abwehr" von Felix Dörmann beschreibt die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs, das sich einer tiefen, liebevollen Hingabe gegenübersieht, die es gleichzeitig erdrückt. Die Augen der geliebten Person werden als "banges Suchen" und "liebendes Hangen" beschrieben, was die Intensität ihrer Zuneigung verdeutlicht. Doch diese bedingungslose Liebe löst beim lyrischen Ich ein "wildes Weinen" aus, da es das eigene Schicksal und das der Geliebten verfluchen möchte. Die Liebe, obwohl "rührend schön und süß", wird als Quelle der Verbitterung empfunden, da sie das Leben des lyrischen Ichs belastet. Das lyrische Ich erkennt die grenzenlose Hingabe der Geliebten an, die jeden Tag aufs Neue sichtbar wird. Doch die Vorstellung, das eigene Sein auf ein "trautes Glück" und ein "still Leben" zu beschränken, widerspricht tief den Bedürfnissen des lyrischen Ichs. Die größte Freude des lyrischen Ichs liegt im Denken und im Nachspüren der Rätsel des Daseins. Diese intellektuelle Freiheit und das Streben nach Erkenntnis sind so fundamental, dass das Ich nicht bereit ist, sie gegen die Sicherheit einer stillvergnügten Beziehung einzutauschen. Das Gedicht endet mit der klaren Absage des lyrischen Ichs, sein "Ich" als "Mitgift" zu schenken, um im "Erdenstaub zu schüren". Dies verdeutlicht die Entscheidung des lyrischen Ichs, seine geistige Unabhängigkeit und den Drang nach Erkenntnis höher zu bewerten als die Geborgenheit einer liebevollen Beziehung. Die Abwehr gegen die Liebe ist somit eine Abwehr gegen die Aufgabe der eigenen Identität und der eigenen tiefsten Wünsche.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- stillvergnügt im Erdenstaub zu schüren
- Bildsprache
- Zu trautem Glück willst Du mein Sein beschränken, Ein stilles Leben soll ich bei Dir führen
- Hyperbel
- So rührend schön und süß, mein ganzes Leben
- Kontrast
- Und meine tiefste Wollust ist: zu Denken, Dem Rätsel unsres Daseins nachzuspüren
- Metapher
- Ich weiß, Du bist mir grenzenlos ergeben
- Personifikation
- ein wildes Weinen