Abt Neithards und seiner Münche Chor

Achim von Arnim

1806

Manuscript Neithards des Minnesängers, sämmtliche Streiche mit den Bauren enthaltend, in meiner Bibliothek. C. Brentano.

Ich will mich aber freuen gegen diesen Mayen, Der mir gar üppiglichen Muth soll verleihen, Das sey eim Bauer und seinen Gesellen leide.

Ich habe der Lieben gedient also lange, Oft und viel mit meinem neuen Gesange, Die gelben Blümelein bracht ich ihr von der Heyde.

Die trug sie gar hübschlich zu dem Tanze, Alle meine Hoffnung mußt mir werden ganze, Da ich sie sah die säuberliche Magd.

Ich kam zu der Lieben schon gegessen, Wohl vier und zwanzig Bauern, die hatten sich vermessen, Von ihne da ward schämlich ich verjagt.

In einer weiten Stube mit Gedränge, Die weite Stube ward mir viel zu enge, Und meines Lebens hätte ich nächst versagt.

Aller meiner Noth konnt ich nicht bedenken. Um und um hin lief ich an den Bänken, Bis daß ich doch die recht Thür erschreite.

Meines Unfalls Rath hätt ich bald vergessen, Meine weiten Sprüng die waren ungemessen, Die ich vor den alten Gauchen hin schreite.

Dahin gen Wien, da eilt ich also balde, Hätt ich einen Laden Tuchs mit Gewalte, Bey hundert Ellen, darum zahlt ich gut.

Und zehn Ellen mehr, darum wollt ichs nicht lassen, Darum so wollt ich üppiglichen stossen Die vier und zwanzig Bauren hochgemuthe.

Und hätt ich einen Schneider mit zweien Knechten, Die mir schnitten die Kleider also gerechte, Vier und zwanzig Kutten mußten sie tragen.

Die eine kurz, die andere wohl gelänget, Als Gott ihnen ihr Gewächs nun hat verhänget, Und oben weit gefalten um den Kragen,

Die fünf und zwanzigst Kutten will ich selber tragen, Daß man für den Abt mich müsse ansagen, Wann ich in dem Land mit ihnen umfahre.

Und hätt ich einen Scherer also gute, Der mir die Bauern bescheret die Bauern hochgemuthe, Ich wollt ihnen scheeren die alten Bauern-Haare.

Noch so muß ich haben viererley Dinge, Oben eine Platte und darum einen Ringe, Gleichwie ein Mönch auf Erden soll seyn.

Noch so hab ich der Abentheuer nicht gare, Er hieß ihm bringen ein Osterwein so klare, Und ein Schlaftrinken goß er ihnen darein.

Also war das Abentheuer bereitet, Und auf einem Karren schnelle geleitet, Wohl zu dem grünen Anger hin.

Zum grünen Anger unter der schönen Linden, Da ließen sich die Bauren allsammt finden, Ihrer vier und zwanzig, das war ihr Ungewinn.

Der erste der sprach, wollt ihr den Neithard sehen, Der ander sprach, ja müst ihm Leid geschehen, Und meld sein nicht, es muß an sein Leben gahn.

Er zog die Gugel von der Platten gare, Der dritt sprach, es ist ein Mönch fürwahre, Und ist in unserm Land ein fremder Mann.

Er zuckt die Gugel gar nieder auf den Rücken, Er trat zu den Bauren gar voll Tücken, Wie bald trat Engelmayer zu ihm dar.

Er sprach: »Grüß euch Gott Kinder, wollt ihr trinken? Guten Osterwein will ich euch schenken.« Da bot er ihnen das Schlaftränklein dar.

Sie trunken alle den Oesterwein gar vaste, Je länger, je mehr, so mehret sich ihr Laster, Sie lagen alle vor tod an einer Schaar.

Die Messer und die Schwerdt begunnt er ihnen rauffen, Die dicken Stecken mit den großen Knauffen, Gürtel und Taschen nahm er von ihnen gar.

Also wurden ihrer vier und zwanzig beschoren, Rock und Mantel hättens all verlohren, Vier und zwanzig Kutten stieß er ihnen an.

Sie lagen bis an den vierten Tag ohne Sinnen, Allererst da wurden sie′s wohl innen, Und hört, wie einer sprach der alten Knaben.

Der greift da mit der Hand wohl auf das Haare: »Nun freut euch alle, ich bin ein Mönch fürwahre, Und will uns Morgen eine Frühmeß haben.«

Der andere sprach: »So sing uns das Amte, Das helfen wir dir Bruder allesammte, Als wir vor und nach dem Pfluge gethan haben.«

Der Neithard kam wohl zu den Bauren getreten: »Ihr liebe Kind wer hat euch her gebeten, Daß ihr so liegt in Gottes Ordnung hie.«

»Nun lieber Herr, das hat uns Gott erschaffen, Wir sind all worden hie zu Pfaffen, Und sind dazu gar wenig doch gelehrt.«

»Ihr lieben Kind, zum Lernen seyd ihr junge, In meinem Mund trag ich eine gelehrte Zunge, Und gute Lehre geb ich euch nun hie.«

Mit guten Worten bracht er′s auf die Straße, Dahin gen Wien, so sie Gott immer hasse, Wohl auf die Brücke vor des Herzogs Thor.

Er stellt sie vor das Thor wohl auf die Brücken, Er kehrt ihnen die Geländer wohl an den Rücken: »Nun lieben Brüder wartet mein hiervor.

So will ich gehen zu Herzog Otten grade, Daß er uns bald mit einer Zell berathe, Darin wollen wir singen grob und klar.

Lieber Herzog Otto, ich bin ein Priester worden, Und habe mir gestiftet selbst einen neuen Orden, Draußen stehn meine Brüder all in einer Schaar.

Nun lieber Herr verleiht ein Zell mir balde, Daß man mich für einen rechten Abten halte.« Herr Otto sprach: »Ich hab ein leeren Tempel stahn.

Wohl auf drey Säulen ist er weidentlich geschicket, Ein offen Münster, daraus man weite blicket, Darauf muß Engelmayer sein Amte han.«

»Ach lieber Herr, dort hats kein rechten Schalle, Den Brüdern möchte wohl die Stimme fallen, Und würd dem Abten selbst der Gugelhals zu enge.«

»So weiß ich noch ein Chor für deine Knaben, Da mag ein jeder leicht sein Nothdurft haben, Und durch die Brillen schauen auf die Länge.«

Nun hob sich an ein Singen gar ungleiche, Mit großen Scheitern begannen sie sich streichen, Herr Otto sprach: »Wir stehen recht sicher weit davon.«

Der erste sang von Ochsen und von Rindern, Der andere sprach und sang von Menschen und von Kindern, Die machen zu Haus an seines Vaters Thor.

Der dritt der sang: »Nun fahr ich aus dem Lande, Dieses Lasters hab ich immer Schande, Es werden sein die Freunde mein gewahr.«

Die andern Herrn, genannt die Brüder Otte, Deren einer sang: »Hätt ich ein Topf voll Schotten Von meiner Mutter, ich fräß ihn alle gar.«

Der Engelmayer sang und zerrt sein Kutten oben: »Der Neithard hat mich in ein Sack geschoben, Deß hab ich Schand und Laster immerdar.«

Sie wurden Zornes voll ohn Fressen und ohn Saufen, Begunnten sich einander aus bösem Muth zu raufen, Und waren doch geschoren ohne Haar.

Der Herzog sprach: »Nun fertig′ sie von hinnen, All mein Hofgesind muß schier entrinnen, Es sind gar ungefüge Mönch fürwahr.«

Da rief Herr Neithard vom Fenster nieder: »Verkündets aller Welt ihr frommen Brüder, Und laßt euch nicht wachsen lauter graue Haar.«

Mit Murren zogen sie wie eine Wetterwolken, Ihre vierbeinicht Schwestern standen ungemolken, Ohn Urlaubnehmen ward Fluchen nicht gespart.

Sie huben sich zum Thor hinaus zu traben, Die alten dummen steifen Akkerknaben, Tanzten in ihren langen Kutten Wie Winzer in den Butten, Darnach warens Bauren hinten nach wie vor.

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Illustration zu Abt Neithards und seiner Münche Chor

Interpretation

Das Gedicht "Abt Neithards und seiner Münche Chor" von Achim von Arnim ist eine humorvolle und satirische Erzählung, die sich um den Minnesänger Neithard und seine Rache an vierundzwanzig Bauern dreht. Neithard, der zuvor von den Bauern bei einem Tanz erniedrigt wurde, plant einen ausgeklügelten Racheakt. Er kleidet sich als Abt, bereitet ein Schlaftrunk vor und lockt die Bauern unter einem Vorwand zu einem Ort, wo er sie betäubt und ihrer Kleidung beraubt. Anschließend stellt er sie als Mönche vor Herzog Otto, der ihnen einen Chor zuweist. Die Bauern, unfähig, wie Mönche zu singen, verursachen ein derart schreckliches Spektakel, dass Herzog Otto sie des Landes verweist. Das Gedicht endet mit der Abreise der Bauern, die in ihren Mönchskutten tanzen wie Winzer in Fässern. Das Gedicht ist reich an mittelalterlichen Anspielungen und verwendet eine Sprache, die den Dialekt und die Ausdrucksweise der damaligen Zeit widerspiegelt. Die Erzählung ist geprägt von einer Mischung aus Humor und Satire, die sich gegen die Bauern und die Mönche richtet. Die Bauern werden als grob und ungebildet dargestellt, während die Mönche als unfähig und lächerlich gezeigt werden. Das Gedicht kritisiert auch die sozialen Hierarchien und die Heuchelei der damaligen Gesellschaft. Die Struktur des Gedichts folgt einem klaren Erzählfluss, der mit Neithards Demütigung beginnt und mit seiner Rache endet. Die Verwendung von Reimen und Rhythmen verleiht dem Gedicht eine musikalische Qualität, die an mittelalterliche Dichtung erinnert. Die Charaktere sind lebhaft gezeichnet und die Handlung ist voller überraschender Wendungen und komischer Situationen. Insgesamt ist das Gedicht ein unterhaltsames und kritisches Werk, das einen Einblick in das mittelalterliche Leben und die Gesellschaft bietet.

Schlüsselwörter

gar sprach bauren also vier zwanzig herr will

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die einen kurz, die andere wohl gelänget
Anspielung
Wohl auf drey Säulen ist er weidentlich geschicket, Ein offen Münster, daraus man weite blicket
Hyperbel
Und hätt ich einen Scherer also gute, Der mir die Bauern bescheret die Bauern hochgemuthe
Ironie
Daß man für den Abt mich müsse ansagen
Metapher
Und hätt ich einen Schneider mit zweien Knechten, Die mir schnitten die Kleider also gerechte, Vier und zwanzig Kutten mußten sie tragen.
Personifikation
Die Messer und die Schwerdt begunnt er ihnen rauffen
Reim
Die einen kurz, die andere wohl gelänget, Als Gott ihnen ihr Gewächs nun hat verhänget, Und oben weit gefalten um den Kragen
Symbolik
Zum grünen Anger unter der schönen Linden