Abschiedsgesang

Kurt Tucholsky

1890

Dies siehst du häufig auf den Straßen: Im Auto vor den Sektterrassen schwimmt mild ein Fettkloß in dem Wagen - Beruf: Nie sollst du mich befragen. Der Motor surrt. Das Fett, es zittert. Sieh da: es hat sich ausgewittert mit Bolschewismus, mit Verträgen - es wird sich alles wieder legen. Der Dicke strahlt. Er ist der Alte… Der ganze Bauch ist eine Falte! Und kennst du seine Weiblichkeiten? Wer wagt, den Liebreiz zu bestreiten der jungen Mädchen aus dem Osten, indem, daß sie so ville kosten? “Der Stein ist Tineff!” haucht sie lind. “Und der - der will mein Schklave sind?” Als deiner anderswo gefeiert, mein Kind, hast du dich entgeschleiert, so tief, daß ich nach hinten prallte… Der ganze Bauch war eine Falte!

Und das soll alles ich verlassen? Berlin - ich kann es noch nicht fassen! Du süße Stadt - ich komme wieder und pfeif aufs neue deine Lieder. Inzwischen, Liebste, laß mich gehn, bleib hübsch gesund und laß mich stehn die Lektrische, die Schutzmannschaft, den Reichstag, die Germanenkraft, die Kinos und die Landgerichte, die Presse mit dem Weisheitslichte. I Ich ab. Und griene: “Daß dich Gott erhalte -!” Der ganze Bauch ist eine Falte.

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Illustration zu Abschiedsgesang

Interpretation

Das Gedicht "Abschiedsgesang" von Kurt Tucholsky beschreibt eine Abschiedsszene in Berlin, die von sozialer Kritik und Ironie durchdrungen ist. Der Dichter malt ein Bild von einer Gesellschaft, die von Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit geprägt ist. Die Figur des "Fettkloßes" im Auto symbolisiert den Wohlstand und die Gleichgültigkeit gegenüber politischen und sozialen Entwicklungen. Die Erwähnung von Bolschewismus und Verträgen deutet auf die politische Instabilität der Zeit hin, doch der Protagonist bleibt unberührt und optimistisch, dass sich alles wieder einrenken wird. Im zweiten Teil des Gedichts wechselt der Ton zu einem persönlicheren Abschied von Berlin. Tucholsky drückt seine Zuneigung zur Stadt aus, trotz ihrer Mängel und Schwächen. Die Aufzählung der Berliner Institutionen und Orte wie die "Lektrische", die "Schutzmannschaft" und der "Reichstag" unterstreicht die Komplexität und den Reichtum des städtischen Lebens. Der Dichter verabschiedet sich mit einem Hauch von Melancholie, aber auch mit der Hoffnung, zurückzukehren und die "Lieder" der Stadt erneut zu pfeifen. Die wiederkehrende Zeile "Der ganze Bauch ist eine Falte" dient als Refrain und verstärkt die Kritik an der gesellschaftlichen Trägheit und Selbstzufriedenheit. Tucholsky nutzt diese Zeile, um die Oberflächlichkeit und den Mangel an Tiefe in der Gesellschaft zu betonen. Der "Abschiedsgesang" ist somit sowohl eine persönliche Verabschiedung als auch eine scharfe soziale Kritik, die den Leser zum Nachdenken über die Zustände in der Gesellschaft anregt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
siehst du häufig auf den Straßen
Anapher
den Reichstag, die Germanenkraft, die Kinos und die Landgerichte, die Presse mit dem Weisheitslichte
Anspielung
mit Bolschewismus, mit Verträgen
Enjambement
Dies siehst du häufig auf den Straßen: Im Auto vor den Sektterrassen
Hyperbel
Der ganze Bauch ist eine Falte!
Ironie
Beruf: Nie sollst du mich befragen.
Kontrast
Als deiner anderswo gefeiert, mein Kind, hast du dich entgeschleiert
Metapher
Der ganze Bauch ist eine Falte!
Personifikation
Der Motor surrt.
Rhetorische Frage
Und kennst du seine Weiblichkeiten?