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Abschied von Sicilien

Von

O Brautgeschenk, das einst am Hochzeittage
Proserpinen der große Vater gab,
Der Ceres Liebe wie der Ceres Klage,
Dianens Wieg′ und der Giganten Grab,
O schönste Heimath frommer Göttersage,
Dem Königsscepter und dem Hirtenstab,
Der Nachtigall, dem Veilchen und Cyanen,
Der Flamme heilig und des Bergs Orkanen;

O Eiland, mir geliebt seitdem ich liebe,
Mir werth seit ich für Heldenkraft entglüht,
Seit an der Lipp′, entflammt von größrem Triebe,
Der Dichtkunst Götterbecher mir geblüht,
Seit ich die priesterlichen Pflichten übe,
Das Feuer hütend, das in Delfi sprüht,
Seit ich gelernt, wie große Männer werden,
Und lehre was ich nie gelernt auf Erden.

Noch einmal, theures Eiland, laß mich denken,
Was deine Berg′ und Meere mir gezeigt.
Im Purpurglanz mit ihr mich zu versenken,
Der Sonne, die zum goldnen Bad sich neigt,
Vermöcht′ ich der Gestirne Lauf zu lenken –
O Lust, und wenn sie wieder ihm entsteigt,
Dich wiedersehn am Morgen! Doch vergebens;
Mir blieb Erinn′rung nur, der Mond des Lebens.

Doch sterblich ist dem sterblichen Geschlechte
Des Glücks Geschenk, des Augenblickes Lust.
Nur in der Gegenwart sind ihre Rechte
Der Gegenwart vergönnt, nur unbewußt;
Du denkest, und schon nahn die strengen Mächte,
Selbst das Gefühl bleibt nicht in deiner Brust,
Und du gewahrst mit Freuden oder Trauer,
Nur die Erinnerung hat ew′ge Dauer.

So nimm mein Lebewohl, o Blumenwiege
Der Heldenfabel, wunderreichstes Land;
So je noch griech′sches Ufer mir erstiege,
Begrüß′ ich′s als vertrauten Heimathsstrand,
So je ich das Verhängniß noch besiege,
Das manchen Kranz um meine Schläfe wand,
So mag die Mutter freundlich mich empfangen;
Denn ihre Tochter küßt′ ich auf die Wangen.

Ja, stolz und freudig darf ich′s euch gestehen,
Geweihte, die ihr fromm die Vorwelt ehrt,
Die Göttinnen auf Ennas Felsenhöhen,
Voll Huld sind sie zu mir zurückgekehrt.
Proserpinen, Dianen durft′ ich sehen,
Athene hat mich weisen Rath gelehrt;
Der Seher, der der Erde sich entwunden,
Hat stets das Himmlische sich nah gefunden.

Und einsam, im Gefolge nur der Musen,
Hab′ ich am Hybla Blumen mir gepflückt,
Zum alten Nymphenquell, in Arethusen
Mich spiegelnd, hab′ ich Haupt und Mund gebückt,
Und Aphroditen selbst an meinen Busen,
Panormus schönstes Frauenbild gedrückt,
Der Erdtitanen flammend Ach vernommen
Und Galatheas blaue Fluth durchschwommen.

Die großen Schatten hab′ ich all beschworen
Aus ihrem Grab, aus ihrer Städte Graus,
Und festlich rief ich aus des Hades Thoren
Den ernsten Zug zum alten Götterhaus.
Die Männer nahten, die Segest geboren
Und Selinunt; dem üpp′gen Hochzeitschmaus
Sah ich die Stadt des Akragas entschwanken,
Und Syrakus Timoleonen danken.

Und wie Natur in solchen süßen Lüften
Gastfreundlich ist und allem Schönen hold,
Und bei der Vorwelt heil′gen Lorbeerdüften
Die Palme blüht und der Orange Gold,
Ja selbst die Eiche; sah ich aus den Grüften
Die Söhne steigen von Mahomas Sold,
Und Roger durft′ ich, Friedrich durft′ ich sehen,
Den Großen nicht, den Größten auferstehen.

Mein Lebewohl den felsigen Gestaden,
Den Höhen, wo ich von Homer geträumt,
Den Meeren, wo sich steile Berge baden,
Den Klüften, wo der grüne Waldbach schäumt,
Den Hügeln, von der Haine Grün beladen,
Den Wassern, die der Rose Gluth besäumt,
Dem Aetna, wo mein Blick von Thränen thaute,
Weil er das Eiland nicht, die Welt beschaute.

Schon schwimmen Aeols Inseln mir entgegen,
Die wandernden, und Strombolis Vulkan,
Und ferner stets auf rauschend schönen Wegen
Geschaukelt wird das Schiff auf grüner Bahn:
Nun könnt′ ich ruhig in mein Grab mich legen,
Da meine Augen solche Schöne sahn;
Doch, daß ich ihrer würdig, euch zu zeigen,
So leb′ und sing′ ich, Ungeweihte schweigen.

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Gedicht: Abschied von Sicilien von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Abschied von Sicilien“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine leidenschaftliche Ode an die Schönheit und den kulturellen Reichtum Siziliens, gepaart mit einem Hauch von Wehmut und dem Bewusstsein des Vergänglichen. Es ist ein Abschied, der gleichzeitig ein Bekenntnis zur Liebe und Verehrung der Insel darstellt.

Waiblinger beginnt mit einer Anrufung Siziliens, beschreibt es als „Brautgeschenk“ und „Heimat frommer Göttersage“. Die Anspielungen auf Proserpina, Ceres, Diana und Giganten weisen auf eine tiefe Verwurzelung in der griechischen Mythologie hin und unterstreichen die Bedeutung der Insel als Ort der Götter und Helden. Der Dichter verbindet die Schönheit der Natur mit der Geschichte und den kulturellen Errungenschaften Siziliens, wodurch eine Atmosphäre von Ehrfurcht und Verehrung geschaffen wird. Die Verwendung von Adjektiven wie „schönste“, „theures“ und „wunderreichstes“ verstärkt diesen Eindruck.

Der zweite Teil des Gedichts ist von einer intensiven emotionalen Bewegung geprägt. Waiblinger drückt seine Liebe zur Insel und seine Dankbarkeit für die Inspiration aus, die er dort gefunden hat, aus. Er identifiziert sich mit der Insel, da er die Schönheit und die Bedeutung von Sizilien für sein Leben und seine dichterische Arbeit erkennt. Die Erinnerung an die Erlebnisse auf Sizilien, die er dort empfand, wird zum Fundament seiner dichterischen Identität.

Der Dichter reflektiert im Gedicht über die Vergänglichkeit des Glücks und der irdischen Freuden. Diese Erkenntnis wird als Kontrast zur ewigen Schönheit der Erinnerung gesetzt, die als einziger Trost bleibt. Durch die Betonung der „Erinnerung“ als ewigen Wert wird der Abschied von Sizilien zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Wesen der Zeit und der Bedeutung des Lebens. Die Natur und die Geschichte der Insel werden zu einem Spiegelbild der menschlichen Existenz.

Schließlich nimmt das Gedicht die Form eines Abschieds an, der jedoch nicht von vollständiger Trauer geprägt ist. Waiblinger nimmt Abschied von den „felsigen Gestaden“ und den „Meeren“, um von einer Sehnsucht nach den kulturellen und spirituellen Werten der Insel Abschied zu nehmen. Das Gedicht endet mit einem Bekenntnis zur Kunst und zur Macht der Erinnerung, indem der Dichter erklärt, dass er weiterleben und singen wird, um die Schönheit Siziliens zu bewahren und zu ehren. Dies verdeutlicht, dass die Liebe zur Insel die Grenzen der Zeit überwindet und eine Quelle der Inspiration und des Trostes darstellt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.