Abschied von Sicilien

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

O Brautgeschenk, das einst am Hochzeittage Proserpinen der große Vater gab, Der Ceres Liebe wie der Ceres Klage, Dianens Wieg′ und der Giganten Grab, O schönste Heimath frommer Göttersage, Dem Königsscepter und dem Hirtenstab, Der Nachtigall, dem Veilchen und Cyanen, Der Flamme heilig und des Bergs Orkanen;

O Eiland, mir geliebt seitdem ich liebe, Mir werth seit ich für Heldenkraft entglüht, Seit an der Lipp′, entflammt von größrem Triebe, Der Dichtkunst Götterbecher mir geblüht, Seit ich die priesterlichen Pflichten übe, Das Feuer hütend, das in Delfi sprüht, Seit ich gelernt, wie große Männer werden, Und lehre was ich nie gelernt auf Erden.

Noch einmal, theures Eiland, laß mich denken, Was deine Berg′ und Meere mir gezeigt. Im Purpurglanz mit ihr mich zu versenken, Der Sonne, die zum goldnen Bad sich neigt, Vermöcht′ ich der Gestirne Lauf zu lenken - O Lust, und wenn sie wieder ihm entsteigt, Dich wiedersehn am Morgen! Doch vergebens; Mir blieb Erinn′rung nur, der Mond des Lebens.

Doch sterblich ist dem sterblichen Geschlechte Des Glücks Geschenk, des Augenblickes Lust. Nur in der Gegenwart sind ihre Rechte Der Gegenwart vergönnt, nur unbewußt; Du denkest, und schon nahn die strengen Mächte, Selbst das Gefühl bleibt nicht in deiner Brust, Und du gewahrst mit Freuden oder Trauer, Nur die Erinnerung hat ew′ge Dauer.

So nimm mein Lebewohl, o Blumenwiege Der Heldenfabel, wunderreichstes Land; So je noch griech′sches Ufer mir erstiege, Begrüß′ ich′s als vertrauten Heimathsstrand, So je ich das Verhängniß noch besiege, Das manchen Kranz um meine Schläfe wand, So mag die Mutter freundlich mich empfangen; Denn ihre Tochter küßt′ ich auf die Wangen.

Ja, stolz und freudig darf ich′s euch gestehen, Geweihte, die ihr fromm die Vorwelt ehrt, Die Göttinnen auf Ennas Felsenhöhen, Voll Huld sind sie zu mir zurückgekehrt. Proserpinen, Dianen durft′ ich sehen, Athene hat mich weisen Rath gelehrt; Der Seher, der der Erde sich entwunden, Hat stets das Himmlische sich nah gefunden.

Und einsam, im Gefolge nur der Musen, Hab′ ich am Hybla Blumen mir gepflückt, Zum alten Nymphenquell, in Arethusen Mich spiegelnd, hab′ ich Haupt und Mund gebückt, Und Aphroditen selbst an meinen Busen, Panormus schönstes Frauenbild gedrückt, Der Erdtitanen flammend Ach vernommen Und Galatheas blaue Fluth durchschwommen.

Die großen Schatten hab′ ich all beschworen Aus ihrem Grab, aus ihrer Städte Graus, Und festlich rief ich aus des Hades Thoren Den ernsten Zug zum alten Götterhaus. Die Männer nahten, die Segest geboren Und Selinunt; dem üpp′gen Hochzeitschmaus Sah ich die Stadt des Akragas entschwanken, Und Syrakus Timoleonen danken.

Und wie Natur in solchen süßen Lüften Gastfreundlich ist und allem Schönen hold, Und bei der Vorwelt heil′gen Lorbeerdüften Die Palme blüht und der Orange Gold, Ja selbst die Eiche; sah ich aus den Grüften Die Söhne steigen von Mahomas Sold, Und Roger durft′ ich, Friedrich durft′ ich sehen, Den Großen nicht, den Größten auferstehen.

Mein Lebewohl den felsigen Gestaden, Den Höhen, wo ich von Homer geträumt, Den Meeren, wo sich steile Berge baden, Den Klüften, wo der grüne Waldbach schäumt, Den Hügeln, von der Haine Grün beladen, Den Wassern, die der Rose Gluth besäumt, Dem Aetna, wo mein Blick von Thränen thaute, Weil er das Eiland nicht, die Welt beschaute.

Schon schwimmen Aeols Inseln mir entgegen, Die wandernden, und Strombolis Vulkan, Und ferner stets auf rauschend schönen Wegen Geschaukelt wird das Schiff auf grüner Bahn: Nun könnt′ ich ruhig in mein Grab mich legen, Da meine Augen solche Schöne sahn; Doch, daß ich ihrer würdig, euch zu zeigen, So leb′ und sing′ ich, Ungeweihte schweigen.

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Illustration zu Abschied von Sicilien

Interpretation

Das Gedicht "Abschied von Sicilien" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Verabschiedung von der Insel Sizilien, die der Dichter mit tiefem Gefühl und Verehrung beschreibt. Das Gedicht ist reich an mythologischen und historischen Anspielungen und spiegelt die tiefe Verbundenheit des Autors mit der Insel wider. Das Gedicht beginnt mit einer Anrufung Siziliens als "Brautgeschenk" und als Ort, der in der griechischen Mythologie eine besondere Rolle spielt. Waiblinger beschreibt die Insel als Heimat von Proserpina, der Tochter der Ceres, und als Ort, an dem Dianen, die Göttin der Jagd, ihre Wiege hatte. Die Insel wird als ein Ort der Schönheit und des Mythos dargestellt, der den Dichter seit seiner Jugend begeistert hat. Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt Waiblinger seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse auf Sizilien. Er spricht von seinen Begegnungen mit den Göttinnen der griechischen Mythologie und von seinen Besuchen an heiligen Stätten. Die Insel wird als ein Ort der Inspiration und der künstlerischen Schöpfung dargestellt, an dem der Dichter seine poetischen Fähigkeiten entdeckt und entwickelt hat. Das Gedicht endet mit einem Abschied von Sizilien, der jedoch nicht als endgültiger Abschied, sondern als eine Art "bis bald" verstanden werden kann. Waiblinger verspricht, die Schönheit und die Bedeutung der Insel in seinen Liedern weiterleben zu lassen und sie auch anderen Menschen zu vermitteln. Das Gedicht ist somit nicht nur eine persönliche Verabschiedung, sondern auch eine Einladung an andere, die Schönheit und die Bedeutung Siziliens zu entdecken und zu schätzen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Proserpinen der große Vater gab
Metapher
So leb' und sing' ich, Ungeweihte schweigen
Personifikation
Der Ceres Liebe wie der Ceres Klage