Abschied von Olevano

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Leb′ wohl, du unvergeßliches Felsendorf, Leb′ wohl! Mit heiter scherzendem Lied nicht mehr Will ich dich preisen, wie′s den Kindern, Göttern und Glücklichen ist gegeben.

Der leichte Scherz, der flüchtig im Sommertag Dem Schmetterling vergleichbar die Blumen neckt, Ist nicht mein Erbtheil, anders lenkt′ es Jener zerstörende Geist, den schauernd

Im Lebenskampf mein glühendes Herz erprüft. Gefährlich ist′s zu spielen; die Nemesis Ist eine ernste Macht, die Charis Fliehet vor ihr in das Reich der Kindheit.

Was dein Beginnen, armes getäuschtes Herz? Ziemt es dem Krieger mitten im Graun der Schlacht, Dem Schiffer in des Meers Orkanen, Bilder der Heimat, der Ruh′ zu nähren?

Den aus des Paradieses verlorner Lust Der unversöhnte zürnende Gott gejagt, Ziemt′s dem, die süße Frucht zu wünschen, Deren Genuß ihm den Tod bereitet?

Still, Herz, dein wartet Rom! noch empfängt dich heut Sein uralt Thor, und größerer Herrlichkeit Schwermüth′ge Reste wirst du schauen, Schäm′ dich des wen′gen, das du beweinest!

Und dennoch einmal, einmal noch kehrt mein Blick Sich rückwärts, wo der wallende Nebeldunst Und milde Morgenwolken röthlich Mir mein Olevano schon umziehen.

Ist′s nicht, als wär′s der dampfenden Erd′ entrückt? Versteh′ ich dich, o Geist der Natur, hinfort Wär′s nimmer möglich, wär′s vorüber, Wäre verschwunden für mich auf ewig?

Und was auch hofft′ ich, glücklich zu sein, und es Zu bleiben für und für, o verwegner Wahn! Mir reifen keine Früchte; Blüten, Aber hesperische, sind mein Alles.

Ach freilich süß war′s, menschlicher Irrthum nur, Was ich geträumt. Noch tief in der Schattenwelt Hofft ja der Todte, seine Qualen Mit der Erinn′rung der Freude nährend.

Nach finstern Tagen bricht aus dem Nachtgewölk Oft noch ein hold wehmüthiges Abendlicht, Und mancher schon am Rand des Grabes Lächelt und spricht noch vom Glück der Jugend.

O wer nur einmal irrte! Zu schön, zu tief, Zu wahr ist doch die Täuschung, zu herb und leer Die Wahrheit, und in Wolk′ und Nebel Bildet den Bogen die sanfte Iris.

Darum ist′s dir nicht Schande, mein Dichterherz, Wenn du dem theuren Felsen, dem gastlichen, Und dem noch Theurern, was dir droben Athmet, noch einmal voll Liebe zuweinst!

Das sei der Opfer letztes und zärtlichstes, Hinfort laß ab von Hoffnung, du kennst dein Loos, Dein Glück, dein kurzes Zauberleben Flieht mit dem fliehenden Bild der Berge.

Und Wiedersehn? Sie hofft′ es, versprach es ja, Doch ach, sie kennt den glücklichen Träumer nur, Kennt den Erwachten nicht, so lebe Wohl, o Geliebte, die Götter geben′s!

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Illustration zu Abschied von Olevano

Interpretation

Das Gedicht "Abschied von Olevano" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von einem Abschied von einem geliebten Ort und den damit verbundenen Gefühlen von Sehnsucht, Melancholie und Resignation. Der Sprecher verabschiedet sich von Olevano, einem Felsendorf, das er tief in seinem Herzen verankert hat. Er erkennt, dass er dieses Fleckchen Erde nie mehr in derselben Weise erleben wird, wie er es bisher getan hat. Der Dichter beschreibt seine Gefühle als von einem "zerstörenden Geist" beherrscht, der ihm den leichten Umgang mit dem Leben verwehrt. Er fühlt sich von der "Nemesis", der Göttin des Schicksals, verfolgt und erkennt, dass er nicht in der Lage ist, die Schönheit und die Freuden des Lebens zu genießen. Stattdessen ist er von einer tiefen Melancholie erfüllt, die ihn daran hindert, die Gegenwart zu genießen und in die Zukunft zu blicken. Der Abschied von Olevano wird als ein endgültiger Abschied beschrieben. Der Sprecher weiß, dass er nie mehr in der Lage sein wird, die Schönheit und die Ruhe dieses Ortes zu erleben. Er verabschiedet sich von der Geliebten, die ihm einst Hoffnung und Trost spendete, und erkennt, dass er allein bleiben wird. Das Gedicht endet mit einem resignativen Ton, der die Endgültigkeit des Abschieds unterstreicht.

Schlüsselwörter

einmal herz wär hofft leb glücklichen geist ziemt

Wortwolke

Wortwolke zu Abschied von Olevano

Stilmittel

Alliteration
Der leichte Scherz, der flüchtig im Sommertag
Anapher
Noch tief in der Schattenwelt / Hofft ja der Todte, seine Qualen / Mit der Erinn′rung der Freude nährend
Apostrophe
Leb′ wohl, du unvergeßliches Felsendorf, / Leb′ wohl!
Hyperbel
O wer nur einmal irrte! Zu schön, zu tief, / Zu wahr ist doch die Täuschung
Kontrast
Nach finstern Tagen bricht aus dem Nachtgewölk / Oft noch ein hold wehmüthiges Abendlicht
Metapher
Der leichte Scherz, der flüchtig im Sommertag / Dem Schmetterling vergleichbar die Blumen neckt
Personifikation
Die Nemesis / Ist eine ernste Macht, die Charis / Fliehet vor ihr in das Reich der Kindheit
Symbolik
Die süße Frucht zu wünschen, / Deren Genuß ihm den Tod bereitet