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Abschied von Olevano

Von

Leb′ wohl, du unvergeßliches Felsendorf,
Leb′ wohl! Mit heiter scherzendem Lied nicht mehr
Will ich dich preisen, wie′s den Kindern,
Göttern und Glücklichen ist gegeben.

Der leichte Scherz, der flüchtig im Sommertag
Dem Schmetterling vergleichbar die Blumen neckt,
Ist nicht mein Erbtheil, anders lenkt′ es
Jener zerstörende Geist, den schauernd

Im Lebenskampf mein glühendes Herz erprüft.
Gefährlich ist′s zu spielen; die Nemesis
Ist eine ernste Macht, die Charis
Fliehet vor ihr in das Reich der Kindheit.

Was dein Beginnen, armes getäuschtes Herz?
Ziemt es dem Krieger mitten im Graun der Schlacht,
Dem Schiffer in des Meers Orkanen,
Bilder der Heimat, der Ruh′ zu nähren?

Den aus des Paradieses verlorner Lust
Der unversöhnte zürnende Gott gejagt,
Ziemt′s dem, die süße Frucht zu wünschen,
Deren Genuß ihm den Tod bereitet?

Still, Herz, dein wartet Rom! noch empfängt dich heut
Sein uralt Thor, und größerer Herrlichkeit
Schwermüth′ge Reste wirst du schauen,
Schäm′ dich des wen′gen, das du beweinest!

Und dennoch einmal, einmal noch kehrt mein Blick
Sich rückwärts, wo der wallende Nebeldunst
Und milde Morgenwolken röthlich
Mir mein Olevano schon umziehen.

Ist′s nicht, als wär′s der dampfenden Erd′ entrückt?
Versteh′ ich dich, o Geist der Natur, hinfort
Wär′s nimmer möglich, wär′s vorüber,
Wäre verschwunden für mich auf ewig?

Und was auch hofft′ ich, glücklich zu sein, und es
Zu bleiben für und für, o verwegner Wahn!
Mir reifen keine Früchte; Blüten,
Aber hesperische, sind mein Alles.

Ach freilich süß war′s, menschlicher Irrthum nur,
Was ich geträumt. Noch tief in der Schattenwelt
Hofft ja der Todte, seine Qualen
Mit der Erinn′rung der Freude nährend.

Nach finstern Tagen bricht aus dem Nachtgewölk
Oft noch ein hold wehmüthiges Abendlicht,
Und mancher schon am Rand des Grabes
Lächelt und spricht noch vom Glück der Jugend.

O wer nur einmal irrte! Zu schön, zu tief,
Zu wahr ist doch die Täuschung, zu herb und leer
Die Wahrheit, und in Wolk′ und Nebel
Bildet den Bogen die sanfte Iris.

Darum ist′s dir nicht Schande, mein Dichterherz,
Wenn du dem theuren Felsen, dem gastlichen,
Und dem noch Theurern, was dir droben
Athmet, noch einmal voll Liebe zuweinst!

Das sei der Opfer letztes und zärtlichstes,
Hinfort laß ab von Hoffnung, du kennst dein Loos,
Dein Glück, dein kurzes Zauberleben
Flieht mit dem fliehenden Bild der Berge.

Und Wiedersehn? Sie hofft′ es, versprach es ja,
Doch ach, sie kennt den glücklichen Träumer nur,
Kennt den Erwachten nicht, so lebe
Wohl, o Geliebte, die Götter geben′s!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Abschied von Olevano von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Abschied von Olevano“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine melancholische Reflexion über Abschied, Illusion und die Suche nach Wahrheit. Es ist ein Abschied von einem geliebten Ort, Olevano, und gleichzeitig ein Abschied von jugendlichen Träumen und Hoffnungen. Der Dichter erkennt die Unmöglichkeit, im Glück zu verweilen, und konfrontiert sich mit der Realität und der Vergänglichkeit des Lebens.

Das Gedicht beginnt mit einem Abschiedsgruß, der jedoch nicht in heiterer Weise erfolgt, sondern von der Erkenntnis der Schwerkraft des Abschieds getragen wird. Waiblinger beschreibt die Vergänglichkeit des Glücks und die Unvereinbarkeit von Leichtigkeit und seinem eigenen, von Schmerz geprägten Wesen. Er vergleicht sich nicht mit den „Kindern, Göttern und Glücklichen“, sondern mit dem zerstörerischen Geist, der ihn im Lebenskampf geprüft hat. Die Metaphern von Kampf und Nemesis unterstreichen die Tragik des Abschieds.

Der Dichter hadert mit seinen Illusionen und der Sehnsucht nach dem Verlorenen. Er stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, in der Realität von Kampf und Leid nach Bildern der Heimat und der Ruhe zu suchen. Die Anspielung auf den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies verdeutlicht die Unvereinbarkeit von Wunsch und Wirklichkeit. Waiblinger tröstet sich mit der Hoffnung auf Rom, doch die Sehnsucht nach Olevano und den dort erlebten Momenten bleibt bestehen.

Das Gedicht gipfelt in einem Abschied, der sowohl schmerzlich als auch versöhnlich ist. Der Dichter erkennt, dass seine Hoffnungen vergeblich waren, und akzeptiert sein Schicksal. Er sieht die Schönheit in der Illusion und der Erinnerung, aber er weiß, dass diese nur flüchtige Momente der Täuschung sind. Der Bogen der Iris, der sich aus Wolken und Nebel bildet, symbolisiert die Schönheit des Vergänglichen. Am Ende blickt er noch einmal auf Olevano zurück, verabschiedet sich von der Hoffnung und akzeptiert das Ende des „kurzen Zauberlebens“.

Die letzten Zeilen sind ein bittersüßer Abschied, der von der Akzeptanz des Verlustes und der Erkenntnis der Unmöglichkeit des Wiedersehens geprägt ist. Die geliebte Person kennt den glücklichen Träumer, aber nicht den Erwachten, der die Realität akzeptiert hat. Das Gedicht endet mit einem tiefen Gefühl von Verlust, aber auch mit einer gewissen Stärke, die aus der Erkenntnis der Wahrheit erwächst.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.