Abschied von der Junggesellenzeit
1920Agathe, wackel nicht mehr mit dem Busen! Die letzten roten Astern trag herbei! Laß die Verführungskünste bunter Blusen, Das Zwinkern laß, den kleinen Wohllustschrei… Nicht mehr für dich foxtrotten meine Musen - Vorbei - vorbei - Es schminkt sich ab der Junggesellenmime: Leb wohl! Ich nehm mir eine Legitime!
Leb, Magdalene, wohl! Du konntest packen, Wenn du mich mochtest, bis ich grün und blau. Geliebtendämmerung. Der Mond der weißen Backen Verdämmert sacht. Jetzt hab ich eine Frau. Leb, Lotte, wohl! Dein kleiner fester Nacken Ruht itzt in einem andern Liebesbau… Lebt alle wohl! Muß ich von Kindern lesen: Ich schwör sie ab. Ich bin es nicht gewesen.
Nur eine bleibt mir noch in Ehezeiten - In dieser Hinsicht ist die Gattin blind -, Dein denk ich noch in allen Landespleiten: Germania! Gutes, dickes, dummes Kind! Wir lieben uns und maulen und wir streiten Und sind uns doch au fond recht wohlgesinnt… Schlaf nicht bei den Soldaten! Das setzt Hiebe! Komm, bleib bei uns! Du meine alte Liebe - !
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Interpretation
Das Gedicht "Abschied von der Junggesellenzeit" von Kurt Tucholsky thematisiert den Übergang des lyrischen Ichs vom Junggesellenleben in die Ehe. In den ersten beiden Strophen verabschiedet sich das Ich von seinen früheren Geliebten, darunter Agathe, Magdalene und Lotte, und beendet damit seine Zeit der Freiheit und der verschiedenen Liebschaften. Die Sprache ist dabei humorvoll und leicht ironisch, wobei die vergangenen Beziehungen mit einer Mischung aus Nostalgie und Erleichterung betrachtet werden. Die dritte Strophe führt eine neue, allegorische Figur ein: Germania, die als "gutes, dickes, dummes Kind" beschrieben wird. Diese Personifizierung Deutschlands deutet auf eine tiefe, komplexe Beziehung hin, die über die persönlichen Beziehungen hinausgeht. Das Ich drückt eine Art patriotische Liebe aus, die von Konflikten und Versöhnungen geprägt ist, was die ambivalente Beziehung des Einzelnen zu seinem Land widerspiegelt. Das Gedicht schließt mit einer Warnung an Germania, nicht bei den Soldaten zu schlafen, was als Metapher für die Gefahren des Militarismus und der politischen Instabilität interpretiert werden kann. Das Ich bittet um Treue und Nähe, was sowohl die persönliche als auch die nationale Ebene anspricht. Tucholsky nutzt hier geschickt die Form des Liebesgedichts, um politische und gesellschaftliche Kommentare zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wackel nicht mehr mit dem Busen
- Anapher
- Leb, Magdalene, wohl! ... Leb, Lotte, wohl! ... Lebt alle wohl!
- Anspielung
- Schlaf nicht bei den Soldaten
- Hyperbel
- bis ich grün und blau
- Metapher
- Es schminkt sich ab der Junggesellenmime
- Metonymie
- Ich nehm mir eine Legitime
- Personifikation
- Der Mond der weißen Backen
- Symbolik
- Germania