Abschied von der Jugend

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Wie der zitternde Verbannte Steht an seiner Heimat Grenzen, Rückwärts er das Antlitz wendet, Rückwärts seine Augen glänzen, Winde die hinüberstreichen, Vögel in der Luft beneidet, Schaudernd vor der kleinen Scholle, Die das Land vom Lande scheidet;

Wie die Gräber seiner Toten, Seine Lebenden, die süßen, Alle stehn am Horizonte, Und er muß sie weinend grüßen; Alle kleinen Liebesschätze, Unerkannt und unempfunden, Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden;

So an seiner Jugend Scheide Steht ein Herz voll stolzer Träume, Blickt in ihre Paradiese Und der Zukunft öde Räume, Seine Neigungen, verkümmert, Seine Hoffnungen, begraben, Alle stehn am Horizonte, Wollen ihre Träne haben.

Und die Jahre die sich langsam, Tückisch reihten aus Minuten, Alle brechen auf im Herzen, Alle nun wie Wunden bluten; Mit der armen kargen Habe, Aus so reichem Schacht erbeutet, Mutlos, ein gebrochner Wandrer, In das fremde Land er schreitet.

Und doch ist des Sommers Garbe Nicht geringer als die Blüten, Und nur in der feuchten Scholle Kann der frische Keim sich hüten; Über Fels und öde Flächen Muß der Strom, daß er sich breite, Und es segnet Gottes Rechte Übermorgen so wie heute.

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Illustration zu Abschied von der Jugend

Interpretation

Das Gedicht "Abschied von der Jugend" von Annette von Droste-Hülshoff schildert den schmerzlichen Abschied eines Menschen von seiner Jugend. Der Sprecher beschreibt die Jugend als eine geliebte Heimat, die er nun verlassen muss. Er blickt zurück auf all die Freuden und Hoffnungen, die mit seiner Jugend verbunden waren, und empfindet einen tiefen Schmerz über ihren Verlust. Die Zukunft erscheint ihm dagegen öde und leer, und er fühlt sich wie ein gebrochener Wanderer, der in ein fremdes Land zieht. Das Gedicht ist in vier Strophen gegliedert, die jeweils einen bestimmten Aspekt des Abschieds thematisieren. Die erste Strophe vergleicht den Abschied von der Jugend mit dem eines Verbannten von seiner Heimat. Die zweite Strophe beschreibt die Sehnsucht nach den Toten und den Lebenden, die zurückbleiben. Die dritte Strophe thematisiert die vergangenen Jahre, die nun wie Wunden im Herzen bluten. Die vierte Strophe bietet schließlich einen Hoffnungsschimmer, indem sie darauf hinweist, dass auch die späteren Jahre des Lebens ihre Schönheit und ihren Segen haben können. Das Gedicht ist in einem sehr bildhaften und metaphorischen Stil geschrieben. Die Jugend wird als eine Heimat, als ein Paradies und als eine Quelle der Hoffnungen dargestellt. Der Abschied von der Jugend wird als ein schmerzlicher Verlust empfunden, der mit dem Verlust einer geliebten Heimat oder dem Tod eines geliebten Menschen vergleichbar ist. Die Zukunft wird als eine öde und leere Landschaft beschrieben, in die der Sprecher wie ein gebrochener Wanderer ziehen muss. Trotzdem bietet das Gedicht am Ende einen Hoffnungsschimmer, indem es darauf hinweist, dass auch die späteren Jahre des Lebens ihre Schönheit und ihren Segen haben können.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Abschied von der Jugend

Stilmittel

Alliteration
[Steht an seiner Heimat Grenzen Rückwärts er das Antlitz wendet Rückwärts seine Augen glänzen Seine Neigungen, verkümmert Seine Hoffnungen, begraben Und der Zukunft öde Räume Und die Jahre die sich langsam Tückisch reihten aus Minuten Alle brechen auf im Herzen Alle nun wie Wunden bluten]
Hyperbel
[Und er muß sie weinend grüßen Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden Seine Hoffnungen, begraben Alle nun wie Wunden bluten]
Metapher
[Wie der zitternde Verbannte Rückwärts er das Antlitz wendet Winde die hinüberstreichen Vögel in der Luft beneidet Schaudernd vor der kleinen Scholle Die das Land vom Lande scheidet Wie die Gräber seiner Toten Seine Lebenden, die süßen Alle stehn am Horizonte Und er muß sie weinend grüßen Alle kleinen Liebesschätze Unerkannt und unempfunden Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden So an seiner Jugend Scheide Steht ein Herz voll stolzer Träume Blickt in ihre Paradiese Und der Zukunft öde Räume Seine Neigungen, verkümmert Seine Hoffnungen, begraben Alle stehn am Horizonte Wollen ihre Träne haben Und die Jahre die sich langsam Tückisch reihten aus Minuten Alle brechen auf im Herzen Alle nun wie Wunden bluten Mit der armen kargen Habe Aus so reichem Schacht erbeutet Mutlos, ein gebrochner Wandrer In das fremde Land er schreitet Und doch ist des Sommers Garbe Nicht geringer als die Blüten Und nur in der feuchten Scholle Kann der frische Keim sich hüten Über Fels und öde Flächen Muß der Strom, daß er sich breite Und es segnet Gottes Rechte Übermorgen so wie heute]
Personifikation
[Winde die hinüberstreichen Vögel in der Luft beneidet Alle stehn am Horizonte Und er muß sie weinend grüßen Alle stehn am Horizonte Wollen ihre Träne haben Und die Jahre die sich langsam Tückisch reihten aus Minuten Alle brechen auf im Herzen]
Vergleich
[Wie der zitternde Verbannte Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden Und der Zukunft öde Räume Alle nun wie Wunden bluten]