Abschied

Gertrud Kolmar

1917

Nach Osten send ich mein Gesicht: Ich will es von mir tun. Es soll dort drüben sein im Licht, Ein wenig auszuruhn Von meinem Blick auf diese Welt, Von meinem Blick auf mich, Die plumpe Mauer Täglich Geld, Das Treibrad Sputedich.

Sie trägt, die Welt in Rot und Grau Durch Jammerschutt und Qualm Die Auserwählten, Tropfentau An einem Weizenhalm. Ein glitzernd rascher Lebenslauf, Ein Schütteln großer Hand: Die einen fraß der Mittag auf, Die andern schluckt der Sand.

Drum werd ich fröhlich sein und still, Wenn ich mein Soll getan; In tausend kleinen Wassern will Ich rinnen mit dem Schwan, Der ohne Rede noch Getön Und ohne Denken wohl Ein Tier, das stumm, ein Tier das schön, Kein Geist und kein Symbol.

Und wenn ich dann nur leiser Schlag An blasse Küsten bin, So roll ich frühen Wintertag, Den silbern kühlen Sarkophag Des ewigen Todes hin, Darin mein Antlitz dünn und leicht Wie Spinneweben steht, Ein wenig um die Winkel streicht, Ein wenig flattert, lächelnd leicht, Und ohne Qual verweht.

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Illustration zu Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Abschied" von Gertrud Kolmar thematisiert den Abschied vom Leben und die Suche nach Ruhe und Frieden. Die Sprecherin richtet ihr Gesicht nach Osten, um sich von der Welt und sich selbst zu lösen. Sie beschreibt die Welt als einen Ort voller Mühsal und Leid, in dem die Auserwählten wie Tropfen Tau an einem Weizenhalm existieren. Das Leben wird als ein schneller, glitzernder Lauf dargestellt, in dem einige vom Mittag verschlungen werden und andere vom Sand verschluckt werden. Die Sprecherin beschließt, fröhlich und still zu sein, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Sie möchte sich mit dem Schwan vereinen, einem Tier, das ohne Worte und Gedanken schön ist und weder Geist noch Symbol darstellt. Der Schwan symbolisiert hier die Reinheit und Einfachheit, nach der die Sprecherin strebt. Im letzten Teil des Gedichts imaginiert die Sprecherin ihren eigenen Tod als einen stillen, silbernen Sarg, der den ewigen Tod trägt. Ihr Gesicht wird als dünn und leicht wie Spinnweben beschrieben, das um die Ecken streicht und leicht flatternd lächelnd verweht, ohne Qual. Dieses Bild vermittelt eine friedliche und schmerzlose Auflösung in den Tod, die das Gedicht in einer melancholischen, aber auch hoffnungsvollen Stimmung abschließt.

Schlüsselwörter

wenig will soll blick welt tier kein leicht

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Darinnen mein Antlitz dünn und leicht Wie Spinneweben steht
Personifikation
Ein wenig um die Winkel streicht, Ein wenig flattert, lächelnd leicht, Und ohne Qual verweht