Abschied
1810O Täler weit, o Höhen, O schöner, grüner Wald, Du meiner Lust und Wehen Andächt′ger Aufenthalt! Da draußen, stets betrogen, Saust die geschäft′ge Welt, Schlag noch einmal die Bogen Um mich, du grünes Zelt!
Wenn es beginnt zu tagen, Die Erde dampft und blinkt, Die Vögel lustig schlagen, Daß dir dein Herz erklingt: Da mag vergehn, verwehen Das trübe Erdenleid, Da sollst du auferstehen In junger Herrlichkeit!
Da steht im Wald geschrieben, Ein stilles, ernstes Wort Von rechtem Tun und Lieben, Und was des Menschen Hort. Ich habe treu gelesen Die Worte, schlicht und wahr, Und durch mein ganzes Wesen Ward′s unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen, Fremd in der Fremde gehn, Auf buntbewegten Gassen Des Lebens Schauspiel sehn; Und mitten in dem Leben Wird deines Ernsts Gewalt Mich Einsamen erheben, So wird mein Herz nicht alt.
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Interpretation
Das Gedicht "Abschied" von Joseph von Eichendorff handelt von einer tiefen Verbundenheit zur Natur und dem Wald als Ort der Ruhe und Inspiration. Der Sprecher verabschiedet sich von der idyllischen Waldlandschaft, die ihm als Zufluchtsort vor der hektischen Welt dient. Der Wald wird als "grünes Zelt" umschrieben, das den Sprecher schützend umgibt. In der zweiten Strophe beschwört der Sprecher die Schönheit des Waldes bei Tagesanbruch. Die Natur erwacht zum Leben und erfüllt den Sprecher mit Freude. Hier kann er sein "trübes Erdenleid" vergessen und sich in "junger Herrlichkeit" erneuern. Der Wald vermittelt ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Hoffnung. Die dritte Strophe deutet an, dass der Wald für den Sprecher auch eine moralische Instanz darstellt. In der Stille des Waldes liest er "die Worte, schlicht und wahr" über rechte Lebensführung. Diese Erkenntnisse werden zu einem unaussprechlichen Wissen in seinem Inneren. In der letzten Strophe kündigt der Sprecher an, den Wald bald verlassen zu müssen. Er wird in die fremde Welt hinausziehen und das "Schauspiel des Lebens" auf den belebten Straßen beobachten. Doch die Ernsthaftigkeit und Tiefe, die er im Wald erfahren hat, werden ihn auch inmitten des Lebens als "Einsamen" erheben und sein Herz jung erhalten. Der Wald bleibt eine innere Heimat und Quelle der Kraft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Apostrophe
- O Täler weit, o Höhen, O schöner, grüner Wald
- Kontrast
- bald werd ich dich verlassen, Fremd in der Fremde gehn
- Personifikation
- deines Ernsts Gewalt
- Symbolik
- stilles, ernstes Wort von rechtem Tun und Lieben