Abschied

Eduard Mörike

1867

Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: “Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein.” Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rueckt nah und fern: “Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefaelligst mal Ihre Nas so von der Seite an! Sie geben zu, dass das ein Auswuchs is.” - Das? Alle Wetter - gewiss! Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Dass ich so eine Weltsnase fuehrt’ im Gesicht!!

Der Mann sprach noch verschiednes hin und her, Ich weiss, auf meine Ehre, nicht mehr; Meinte vielleicht, ich sollt ihm beichten. Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, Da geh ich ihm, ganz froh gesinnt, Einen kleinen Tritt, Nur so von hinten aufs Gesaesse, mit - Alle Hagel! ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab ich nie geschn, All mein Lebtage nicht gesehn Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn!

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Illustration zu Abschied

Interpretation

Das Gedicht "Abschied" von Eduard Mörike handelt von einem überraschenden Besuch eines Rezensenten, der den Erzähler unangekündigt aufsucht. Der Rezensent nimmt sich Zeit, den Erzähler und dessen Schatten an der Wand zu betrachten, bevor er ihm einen unerwarteten Kommentar über seine Nase macht. Der Erzähler ist schockiert und überrascht, dass er eine so große Nase hat, von der er zuvor nichts wusste. Der Rezensent führt ein kurzes Gespräch mit dem Erzähler, dessen Inhalt jedoch nicht mehr erinnert wird. Möglicherweise wollte der Rezensent den Erzähler zu einer Beichte bewegen. Am Ende des Besuchs begleitet der Erzähler den Rezensenten zur Treppe, wobei er ihm einen kleinen Tritt auf den Hintern gibt. Dies führt zu einem lauten Gerumpel, Gepurzel und Gehumpel, als der Rezensent die Treppe hinunterfällt. Der Erzähler hat noch nie einen Menschen so schnell die Treppe hinuntergehen sehen. Das Gedicht endet mit der Schilderung des Sturzes des Rezensenten, der durch den Tritt des Erzählers ausgelöst wurde. Die letzten Zeilen betonen die Geschwindigkeit, mit der der Rezensent die Treppe hinunterfällt, und die Überraschung des Erzählers über diese unerwartete Reaktion.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
All mein Lebtage nicht
Hyperbel
Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn
Ironie
Sehn Sie doch gefaelligst mal Ihre Nas so von der Seite an! Sie geben zu, dass das ein Auswuchs is.
Metapher
Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein
Personifikation
Besieht lang meinen Schatten an der Wand