Abreise

Eduard Mörike

1867

Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen, Und das Posthorn bläst zum letztenmale. Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange? Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben! - Indes fällt ein rascher Sommerregen; Eh man hundert zählt, ist er vorüber; Fast zu kurz, den heissen Staub zu löschen; Doch auch diese Letzung ist willkommen. Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten Platz und an den Häusern ringsum öffnet Sich ein Blumenfenster um das andre. Endlich kommt der junge Mann. Geschwinde! Eingestiegen! - Und fort rollt der Wagen. Aber sehet, auf dem nassen Pflaster Vor dem Posthaus, wo er stillgehalten, Lässt er einen trocknen Fleck zurücke, Lang und breit, sogar die Räder sieht man Angezeigt und wo die Pferde standen. Aber dort in jenem hübschen Hause, Drin der Jüngling sich so lang verweilte, Steht ein Mädchen hinterm Fensterladen, Blicket auf die weiss gelassne Stelle, Hält ihr Tüchlein vors Gesicht und weinet. Mag es ihr so ernst sein? Ohne Zweifel; Doch der Jammer wird nicht lange währen: Mädchenaugen, wisst ihr, trocknen hurtig, Und eh auf dem Markt die Steine wieder Alle hell geworden von der Sonne, Könnet ihr den Wildfang lachen hören.

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Illustration zu Abreise

Interpretation

Das Gedicht "Abreise" von Eduard Mörike beschreibt die Abfahrt einer Postkutsche und die emotionale Verabschiedung zwischen einem jungen Mann und einem Mädchen. Das Gedicht beginnt mit der Vorbereitung der Abfahrt und einem Sommerregen, der kurzzeitig für Erfrischung sorgt. Der junge Mann kommt schließlich und die Postkutsche setzt sich in Bewegung. Auf dem nassen Pflaster bleibt eine trockene Stelle zurück, wo die Kutsche gestanden hat. Im letzten Teil des Gedichts wird ein Mädchen gezeigt, das hinter dem Fenster steht und weint, als der junge Mann abfährt. Mörike deutet an, dass die Trauer des Mädchens zwar ernst gemeint ist, aber nicht lange anhalten wird, da junge Mädchen schnell über ihren Kummer hinwegkommen.

Schlüsselwörter

steht wagen mann lange trocknen lang fertig abfahrt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 'w'-Lautes in 'wohin, wo, wird, währen, Wildfang' erzeugt einen rhythmischen Effekt.
Bildsprache
Die 'Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten Platz' beschreibt die sinnliche Erfahrung des Regens.
Enjambement
Der Zeilenumbruch in 'Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten / Platz' verstärkt den Fluss des Gedichts.
Hyperbel
Die Übertreibung, dass der Junge 'so lang verweilte', betont die emotionale Bedeutung des Abschieds.
Ironie
Die Ironie liegt darin, dass der Regen, der den Staub löschen sollte, zu kurz war, aber dennoch willkommen war.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem weinenden Mädchen und dem Lachen, das folgen wird, hebt die Vergänglichkeit der Trauer hervor.
Metapher
Der 'rasche Sommerregen' als Metapher für eine kurze, aber intensive Emotion oder Situation.
Personifikation
Das Posthorn 'bläst zum letzten Male' und verleiht ihm menschliche Handlungsfähigkeit.
Symbolik
Der 'trockene Fleck' auf dem nassen Pflaster symbolisiert die Abwesenheit des jungen Mannes und die Spuren, die er hinterlässt.
Vorahnung
Die Erwähnung, dass 'Mädchenaugen...hurtig trocknen', deutet auf die schnelle Erholung des Mädchens hin.