Abisag

Rainer Maria Rilke

1905

I

Sie lag. Und ihre Kinderarme waren von Dienern um den Welkenden gebunden, auf dem sie lag die süßen langen Stunden, ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.

Und manchmal wandte sie in seinem Barte ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie; und alles, was die Nacht war, kam und scharte mit Bangen und Verlangen sich um sie.

Die Sterne zitterten wie ihresgleichen, der Duft ging suchend durch das Schlafgemach, der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichen, und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.

Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten, und von der Nacht der Nächte nicht erreicht, lag sie auf seinem fürstlichen Erkalten jungfräulich und wie eine Seele leicht.

II

Der König saß und sann den leeren Tag getaner Taten, ungefühlter Lüste und seiner Lieblingshündin, der er pflag-, Aber am Abend wölbte Abisag sich über ihm. Sein wirres Leben lag verlassen wie verrufne Meeresküste unter dem Sternbild ihrer stillen Brüste.

Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen, erkannte er durch seine Augenbrauen den unbewegten, küsselosen Mund; und sah: ihres Gefühles grüne Rute neigte sich nicht herab zu seinem Grund. Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hund und suchte sich in seinem letzten Blute.

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Illustration zu Abisag

Interpretation

Das Gedicht "Abisag" von Rainer Maria Rilke handelt von der tragischen Figur Abisag, die als junges Mädchen dem alternden König David zur Seite gestellt wird, um ihn zu wärmen. Die Interpretation beleuchtet die ambivalente Beziehung zwischen den beiden, die von einer Mischung aus Fürsorge und Verlangen geprägt ist. Abisag wird als unschuldiges, ängstliches Mädchen dargestellt, das sich an den alten König klammert, während er selbst von seinen vergangenen Taten und unerfüllten Lüsten geplagt wird. Die erste Strophe beschreibt die körperliche Nähe zwischen Abisag und dem König, wobei ihre Kinderarme um seinen welkenden Körper geschlungen sind. Die junge Frau ist ein wenig ängstlich wegen seiner vielen Jahre und wendet sich manchmal in seinem Bart um, wenn eine Eule schreit. Die Nacht scheint voller Bangen und Verlangen zu sein, das sich um sie schart. In der zweiten Strophe wird der König als einsamer Mann dargestellt, der den leeren Tag und die getanen Taten sinniert. Abisag wird als eine Art Schutz über ihm beschrieben, die sich über ihn wölbt wie ein Sternbild. Doch der König erkennt, dass Abisags Mund unbewegt und küsselos bleibt und dass ihre Gefühle sich nicht zu ihm neigen. Er fröstelt und sucht nach etwas in seinem letzten Blut. Das Gedicht thematisiert die Einsamkeit und Verzweiflung des alternden Königs, der sich nach Zärtlichkeit und Liebe sehnt, aber von Abisag nicht erreicht wird. Es ist eine eindringliche Darstellung der menschlichen Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit im Angesicht des Todes.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Verlassen wie verrufne
Bildsprache
Verrufne Meeresküste
Hyperbel
Nacht der Nächte
Metapher
Letztes Blute
Personifikation
Die Sterne zitterten wie ihresgleichen
Symbolik
Jungfräulich und wie eine Seele leicht
Vergleich
Horchte wie ein Hund