Aber seltsam!

Hugo von Hofmannsthal

1924

Ein namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber, Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durchs offene Fenster Licht in seinem Zimmer - Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

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Illustration zu Aber seltsam!

Interpretation

Das Gedicht "Aber seltsam!" von Hugo von Hofmannsthal beschreibt ein tiefes, namenloses Heimweh, das den lyrischen Ich überkommt. Dieses Heimweh wird als lautloses Weinen in der Seele beschrieben, das sich nach dem Leben sehnt. Der Vergleich mit einem Seemann, der an seiner Vaterstadt vorbeifährt, verdeutlicht die Distanz und das Unerreichbare dieses Gefühls. Die Stadt wird in lebendigen Bildern beschrieben: die Gassen, die rauschenden Brunnen, der Duft der Fliederbüsche. Der Sprecher sieht sich selbst als Kind am Ufer stehen, mit ängstlichen Augen, die weinen wollen. Durch das offene Fenster sieht er Licht in seinem Zimmer. Diese Bilder erzeugen eine starke emotionale Wirkung und verdeutlichen die Sehnsucht nach der Vergangenheit und der verlorenen Kindheit. Das große Seeschiff trägt den Sprecher jedoch weiter, auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend. Die gelben, fremdgeformten Riesensegel symbolisieren das Unbekannte und Unerreichbare, das den Sprecher von seiner Vergangenheit trennt. Das Gedicht endet mit dem Gefühl des Weitergetragenwerdens, des Unaufhaltsamen, das das Heimweh begleitet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildlichkeit
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht den Duft der Fliederbüsche
Metapher
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos in meiner Seele nach dem Leben
Personifikation
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
Symbolik
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln
Vergleich
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff mit gelben Riesensegeln gegen Abend auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, der Vaterstadt, vorüberfährt