Abendtöne

Paul Scheerbart

1863

Wozu mich mein Schuh drückt? Das willst du wissen? Leg dich nur ruhig Auf dein Ruhekissen; Es wird zum Luftballon. Mit dem gehst du davon. Und deine Locken — Die werden klingen; Du sollst mit ihnen, Da sie rot sind, Die gelben Sterne umschlingen! Ach ja, dein verfluchter, Alter, dammlicher Luftballon Wird dich weit bringen.

Durch die alte Türe, Die so herrisch knarrt, Kommt der Ofenmann Mit vielen schwarzen Bechern, Die so traurig sind wie schwarze Briefe. Na — was will denn der Ofenmann? Will er den alten Zechern Die letzten Tropfen schenken? Der Ofenmann hat kurze Beinchen; Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen. Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf — Der geht natürlich ganz entzwei, Denn der Ofen ist ja warm. Und die schwarzen Becher fallen Diesem alten Ofenmann Aus den schwarzen alten Händen Auf die stillen weißen Dielen. Und der Wein macht die Dielen naß. Das macht den Zechern Spaß. Die Beinchen des Ofenmanns Brechen entzwei. Und der schwarze Ofen Steht an der Wand — wie einst.

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Illustration zu Abendtöne

Interpretation

Das Gedicht "Abendtöne" von Paul Scheerbart entfaltet eine surreale und traumhafte Atmosphäre, die zwischen Fantasie und Melancholie oszilliert. Der erste Teil beschreibt eine Transformation, bei der das Ruhekissen zum Luftballon wird, der den Träumenden davonträgt. Die roten Locken, die zu klingen beginnen, umschlingen die gelben Sterne, was eine Verschmelzung von menschlicher und kosmischer Sphäre suggeriert. Der "verfluchte, alte, dammliche Luftballon" symbolisiert jedoch auch die Vergänglichkeit und den unausweichlichen Abschied von der Realität. Der zweite Teil führt den Ofenmann ein, eine groteske Figur mit kurzen Beinchen und einem Wachskopf, der schwarze Becher voller Wein trägt. Die schwarzen Becher werden mit traurigen Briefen verglichen, was eine düstere Stimmung erzeugt. Der Ofenmann schenkt den "alten Zechern" die letzten Tropfen, was auf das Ende einer Ära oder das Ende des Lebens hindeuten könnte. Der Wachskopf des Ofenmanns schmilzt durch die Wärme des Ofens, und die Becher fallen zu Boden, wodurch der Wein die Dielen naß macht. Dieses Bild symbolisiert den Verfall und die Zerstörung, die durch die Zeit und die Hitze des Lebens verursacht werden. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der Ofen an der Wand steht, "wie einst", was auf eine Rückkehr zum Ausgangszustand oder eine Wiederholung des Zyklus hindeutet. Die surreale und symbolische Sprache des Gedichts lädt den Leser dazu ein, über die Vergänglichkeit des Lebens, die Transformation und die Verbindung zwischen Mensch und Kosmos nachzudenken.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wachskopf
Bildsprache
Die schwarzen Becher fallen Diesem alten Ofenmann Aus den schwarzen alten Händen Auf die stillen weißen Dielen
Enjambement
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf — Der geht natürlich ganz entzwei
Hyperbel
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen
Ironie
Das macht den Zechern Spaß
Kontrast
Die Beinchen des Ofenmanns Brechen entzwei
Metapher
Es wird zum Luftballon.
Personifikation
Die werden klingen
Symbolik
Die gelben Sterne umschlingen