Abendstimmung

Ernst Blass

1939

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren, Die hier am Tage den Verkehr geregelt. In süßen Nebel liegen hingeflegelt Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren. Wir treffen manche Herren von der Presse Und viele von den aufgebauschten Huren, Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen: O daß so selig uns das Leben bliebe! Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen, Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten Und Männer, die dies Leben sind gewohnt Und satt schon kosten an den Zigaretten. In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar Verrät der Mixer den geheimsten Tip. Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip.

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Illustration zu Abendstimmung

Interpretation

Das Gedicht "Abendstimmung" von Ernst Blass zeichnet ein düsteres, fast groteskes Bild des städtischen Nachtlebens. Es beginnt mit einer Szene, in der die Hektik des Tages nachlässt und die Lichter in einen "süßen Nebel" gehüllt sind. Die Atmosphäre ist von einer gewissen Lethargie und Verfremdung geprägt. Die Erwähnung von "Polizeifanfaren" und "Verkehr" deutet auf eine kontrollierte, regulierte Umgebung hin, die nun zur Ruhe gekommen ist. Im zweiten Teil des Gedichts werden verschiedene Charaktere des nächtlichen Treibens beschrieben. Die "Herren von der Presse" und die "aufgebauten Huren" mit "Sadistenzügen" um die "feine Fresse" vermitteln ein Bild von Oberflächlichkeit und moralischer Verkommenheit. Die "Pleureusen" auf den Hüten und die "angesteckten Locken" der Liebe symbolisieren eine künstliche, vielleicht sogar krankhafte Zärtlichkeit. Die Szenerie ist durchzogen von einer Mischung aus Kitsch und Zynismus. Der letzte Teil des Gedichts ruft die Geliebte in eine Bar, wo der "Mixer" den "geheimsten Tip" verrät. Die Beschreibung des Haares der Geliebten als "überirdisch, himmlisch" und im Kontrast zur "Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip" schafft einen surrealen, fast traumhaften Abschluss. Das Gedicht endet mit einer Einladung, die sowohl verlockend als auch unheimlich wirkt, und lässt den Leser in einer Atmosphäre zurück, die zwischen Verführung und Verderben schwankt.

Schlüsselwörter

leben locken komm stumm längst polizeifanfaren tage verkehr

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Stilmittel

Anspielung
Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Bildsprache
Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen
Hyperbel
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen
Kontrast
Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip
Metapher
In süßen Nebel liegen hingeflegelt Die Lichter
Personifikation
Stumm wurden längst die Polizeifanfaren
Symbolik
In manchen Blicken liegt der halbe Mond