Abendregen

Karl von Gerok

1890

Psalm 68, 10.

Regen, und dein Erbe, das dürre ist, erquickest du.

Horch, was klopft auf Busch und Baum? Fenster auf, zu lauschen! Hör‘ ich durch den Gartenraum Engelsflügel rauschen? Nein, aus dunkler Wolke fließt Leiser, linder Segen; Sieh, wie sanft es niedergießt, Sei uns tausendmal gegrüßt, Süßer Abendregen!

Drückend lag des Tages Brand Auf den dürren Triften, Finster stand die Wetterwand In den schwülen Lüften, Bange war uns für die Nacht Vor Gewitterschlägen, Aber sieh! kein Donner kracht, Du nur säuselst süß und sacht, Sanfter Abendregen!

Linde legt sich schon der Staub, Balsamduftumwittert, Stille hält das durstge Laub, Das vor Wonne zittert, Trunken schlägt die Nachtigall In Jasmingehegen Und vermischt mit Flötenhall Deiner Tropfen leiser Fall, Linder Abendregen!

Wär ich doch ein Baum zur Stund, Eine Blum im Garten, Ach, wie tränk ich mich gesund Nach so langem Warten! Jede Faser ausgespannt, Schluckt‘ ich nach Vermögen; Träufle, träufle rings aufs Land, Perlensaat aus Gottes Hand, Milder Abendregen!

O wie wehn so feucht und weich Die verkühlten Lüfte! O wie wogen würzereich Nachtviolendüfte! Was der Dürre sich verschloss, Öffnet sich dem Segen, Mach aus meines Herzens Schoß Auch des Dankes Düfte los, Holder Abendregen!

Sag, was kommt so mildiglich Gleichwie du geflossen? – Tränen sind es, die in sich Lang ein Mensch verschlossen, Aber endlich fühlt sein Herz Inniges Bewegen, Tränen fließen niederwärts, Lösen sanft verjährten Schmerz, Wie ein Abendregen.

Sag, was ist dir sonst noch gleich, Uns vom Herrn geschenket? Gottes Wort, das gnadenreich Durstge Seelen tränket; Als mein Herz, ein dürres Land, Matt vor Gott gelegen, Kam das Wort vom Herrn gesandt, Löschte mir der Sehnsucht Brand Wie ein Abendregen. –

Rausche, rausche immerfort In der Abendstille, Bricht auch schon ein Sternlein dort Aus der Wolkenhülle, Und indes wir uns zur Ruh Leichten Herzens legen, Säusle vor den Fenstern du, Sing ein Schlummerlied uns zu, Milder Abendregen! –

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Illustration zu Abendregen

Interpretation

Das Gedicht "Abendregen" von Karl von Gerok beschreibt die erfrischende und segnende Wirkung eines sanften Sommerregens nach einem heißen, trockenen Tag. Der Regen wird als göttliches Geschenk gefeiert, das die dürre Natur wieder zum Leben erweckt und den Menschen Trost und Erfrischung spendet. Der Dichter vergleicht den Abendregen mit Tränen, die ein Mensch lange Zeit unterdrückt hat und die schließlich fließen, um inneren Schmerz zu lindern. Ebenso wird das Wort Gottes mit dem Regen verglichen, das eine ausgedörrte Seele wiederbelebt und den Durst nach geistiger Erfrischung stillt. Im letzten Teil des Gedichts bittet der Sprecher den Abendregen, sanft vor den Fenstern zu rauschen und ein Schlummerlied zu singen, während er sich zur Ruhe begibt. Der Regen wird als friedvolle und beruhigende Präsenz dargestellt, die den Tag harmonisch ausklingen lässt und den Schlaf einläutet.

Schlüsselwörter

abendregen dürre baum leiser linder segen sieh sanft

Wortwolke

Wortwolke zu Abendregen

Stilmittel

Anapher
Horch, was klopft auf Busch und Baum?
Metapher
Säusle vor den Fenstern du
Personifikation
Und indes wir uns zur Ruh Leichten Herzens legen
Vergleich
Sing ein Schlummerlied uns zu