Abendphantasieen

Ludwig Eichrodt

1856

Im blauen Schein des Mondes Seh ich die Wellen ziehn, Rauschen hör′ ich die Wellen Durch Blumenlande hin.

Höre die Fischlein plätschern, Murmeln die Winde im Wald, Hellklagende Vogelstimme Am Hügel wiederhallt.

Da lieg ich auf dem Rasen In lispelnder Linde Hut, Mir ist so ruheselig, So wunderswohl zu Muth.

Dort lausch ich der singenden Quelle Und schaue den Nachthimmel an, Und mit den Augen folg ich Der sanften Wolkenbahn.

Es wandern die weißen Wolken Vorbei am schweigsamen Mond; Dort such ich Menschengesichter, Und finde sie wie gewohnt.

Sieh dort! zwei Sternchen flimmern Aus lieblichem Wolkenflor, Mir kommen die hellen Sterne Als wie zwei Aeuglein vor.

Weiß nicht, wie das mich fasset! Wahrlich, es ist kein Wahn - Die Züge der Geliebten Sie lächeln hold mich an.

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Illustration zu Abendphantasieen

Interpretation

Das Gedicht "Abendphantasieen" von Ludwig Eichrodt beschreibt eine nächtliche Szenerie, in der der lyrische Ich in einer von Mondlicht durchfluteten Landschaft versinkt. Die natürlichen Elemente wie die Wellen, der Wald, die Vögel und die Wolken werden zu einem harmonischen Ganzen, das den Sprecher in eine Stimmung der Ruhe und des Wohlbehagens versetzt. Die Natur wird hier als ein Ort der Kontemplation und des Innehaltens dargestellt, an dem der Mensch sich mit seiner Umgebung eins fühlt. Im zweiten Teil des Gedichts intensiviert sich die Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und der Natur. Die Wolken und Sterne werden anthropomorphisiert, sie nehmen menschliche Züge an und erwecken beim Sprecher die Assoziation an die Geliebte. Diese Projektion von menschlichen Gesichtern in die Natur zeigt eine tiefe emotionale Bindung, die über die bloße äußere Wahrnehmung hinausgeht. Die Natur wird zum Spiegel der inneren Gefühlswelt und ermöglicht dem Sprecher eine Art spirituelle Begegnung. Das Gedicht endet mit einer mystischen Erfahrung, bei der der Sprecher die Züge der Geliebten in den Sternen und Wolken zu erkennen glaubt. Diese Vision ist nicht als Wahn abgetan, sondern als eine tiefe, möglicherweise transzendente Erfahrung beschrieben. Die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen, und die Natur wird zum Ort einer emotionalen und möglicherweise spirituellen Begegnung. Das Gedicht vermittelt eine romantische Vorstellung von der Natur als einem Raum, in dem sich der Mensch mit sich selbst und seinen tiefsten Gefühlen verbinden kann.

Schlüsselwörter

wellen zwei blauen schein mondes seh ziehn rauschen

Wortwolke

Wortwolke zu Abendphantasieen

Stilmittel

Alliteration
Murmeln die Winde im Wald
Bildsprache
Dort such ich Menschengesichter
Metapher
Zwei Sternchen flimmern
Personifikation
Die Züge der Geliebten sie lächeln hold mich an