Abendphantasie
1790Abend war’s, auf fernem Steige Ging ich in des Waldes Grün, Wilde Apfelblüthenzweige Wehten Flocken auf mich hin; Tausend süße Stimmen drangen Fröhlich durch den kühlen Hain, Buntbeschwingte Vögel sangen Süße Liebesmelodein.
Wo die Wipfel nicht so dicht Aeste in einander woben, Glänzt ein sanftes Dämmerlicht, Von der Abendröthe droben, Nieder auf die Silberhelle, Wo der Glühwurm funkelnd flog, Und die zitternde Libelle Sich im Hauch des Winkes bog.
Alles fühlte stille Feier In der herrlichen Natur, Jeder Busen hob sich freier In dem Abendglanz der Flur; Jedes Lüftchen rauschte Freude, Jede Welle hüpfte Lust, Und der Lenz im Strahlenkleide Hauchte Wonne in die Brust.
Mir nur war das Herz beklommen, Und des Frühlings Rosenlicht, Das am Horizont entglommen, Nahm des Busens Bürde nicht. Sehnsucht nach den lichten Räumen, Die der goldne Glanz beschien, Wo aus tausend zarten Keimen Ew’ger Liebe Blumen blühn:
Zog mich nach des Aethers Fernen, Und begeistert rief ich aus: Hinter jenen Silbersternen, Ja, dort ist der Liebe Haus! Dort verstummen alle Schmerzen, Was geschieden, sieht sich dort, Ewig schlägt dort Herz am Herzen, Keine Trennung reißt uns fort.
Bilder der verstorbnen Lieben Glaubt’ ich rings um mich zu sehn; Wie ein Blumenduft von drüben, Fühlt’ ich ihren Athem wehn. Meine Mutter! – schluchzt’ ich weinend: Ruft mich Deine Stimme nicht Dorthin, wo die Treuen einend Immortellenkranz umflicht?
Geister von den Tapfern allen, Die in mancher heißen Schlacht Blutig um mich her gefallen In die finstre Todesnacht, Sah ich aus besternten Hallen, Rings von Lorbeersproß umlaubt, Mir verklärt entgegen wallen – Ach, ich fand manch liebes Haupt!
Und ich streckte meine Arme Nach den Waffenbrüdern hin, Liebend sie an dieses warme, Treue Bruderherz zu ziehn; Aber ihre Schatten bebten Fort im letzten Rosenstrahl, Und die Seligen entschwebten Heim, zum goldnen Friedensthal!
Horch! durch lindbewegte Zweige Rauscht es mir vernehmlich zu: Wandle, strebe, dulde, schweige, – Ueber Gräbern wehet Ruh’! Eben aus den Wolkenhüllen Trat der Vollmond und begann, Ruhig wallend, seine stille, Langgewohnte Pilgerbahn! –
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Interpretation
Das Gedicht "Abendphantasie" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt einen Spaziergang des lyrischen Ichs durch einen Abendwald, der von einer tiefen Sehnsucht nach der Unendlichkeit und der Liebe geprägt ist. Die Natur wird in lebendigen Farben und Klängen dargestellt, die eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens schaffen. Doch trotz der Schönheit der Natur kann das Herz des lyrischen Ichs die Bürde der Sehnsucht nicht ablegen. Das Gedicht entwickelt sich zu einer Vision, in der das lyrische Ich die Verstorbenen, darunter die Mutter und gefallene Kameraden, in einem himmlischen Reich erblickt. Die Sehnsucht nach diesem Ort der ewigen Liebe und des Friedens wird zum zentralen Motiv. Die Vision endet jedoch abrupt, als die Schatten der Verstorbenen sich zurückziehen und das lyrische Ich allein in der Abenddämmerung zurückbleibt. Das Gedicht schließt mit einer Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Der Vollmond, der seine "Pilgerbahn" beginnt, symbolisiert die Kontinuität des Lebens und die Hoffnung auf eine jenseitige Existenz. Trotz der Sehnsucht nach dem Jenseits wird das lyrische Ich daran erinnert, dass es auf Erden noch einen Weg zu gehen hat, der von Mühen und Leiden geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Buntbeschwingte Vögel sangen
- Anapher
- Dort verstummen alle Schmerzen, Was geschieden, sieht sich dort
- Bildsprache
- Wo die Wipfel nicht so dicht Aeste in einander woben
- Hyperbel
- Tausend süße Stimmen drangen
- Interjektion
- Ach, ich fand manch liebes Haupt!
- Metapher
- Wilde Apfelblüthenzweige Wehten Flocken auf mich hin
- Oxymoron
- Seligen entschwebten
- Personifikation
- Jedes Lüftchen rauschte Freude, Jede Welle hüpfte Lust
- Symbolik
- Eternellenkranz
- Vergleich
- Wie ein Blumenduft von drüben