Abendphantasie

Friedrich Hölderlin

1770

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt Der Pflüger; dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wandrer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts Geschäftger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blüht ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint Die goldene Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! - Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds, und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. -

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter.

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Illustration zu Abendphantasie

Interpretation

Das Gedicht "Abendphantasie" von Friedrich Hölderlin beschreibt einen Abend, der von Ruhe und Frieden geprägt ist. Der Pflüger sitzt in der Abendsonne vor seiner Hütte, der Herd des Genügsamen raucht, und der Wanderer hört die Abendglocke aus dem friedlichen Dorf. Auch die Schiffer kehren in den Hafen zurück, der Markt in den fernen Städten ist verrauscht, und die Freunde genießen ein geselliges Mahl in der stillen Laube. Alles scheint in Einklang und Ausgeglichenheit zu sein. Der lyrische Ich jedoch fragt sich, warum er nicht zur Ruhe kommen kann. Während die Sterblichen von Lohn und Arbeit leben und zwischen Mühe und Ruhe wechselnd alles freudig ist, schläft ihm in der Brust der Stachel nicht. Er sehnt sich nach dem Abendhimmel, wo ein Frühling aufblüht und unzählige Rosen erblühen. Er bittet die purpurnen Wolken, ihn dorthin zu nehmen, wo sein Lieb und Leid in Licht und Luft zerrinnen möge. Doch der Zauber flieht, es wird dunkel und einsam, und er bleibt unter dem Himmel wie immer allein. Das Gedicht endet mit der Aufforderung zum sanften Schlummer, da das Herz zu viel begehrt. Doch schließlich wird die Jugend verglühen, und das Alter wird friedlich und heiter sein. Das lyrische Ich scheint in einer Art innerem Konflikt gefangen zu sein, der sich in der Sehnsucht nach Ruhe und Ausgeglichenheit äußert, aber von einem unruhigen Stachel in der Brust durchbrochen wird. Das Gedicht beschreibt eine Art Melancholie, die sich in der Abendstimmung widerspiegelt und in der Einsamkeit des lyrischen Ichs gipfelt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts Geschäftger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Apostrophe
o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid!
Metapher
Am Abendhimmel blüht ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint die goldene Welt.
Parallelismus
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Rhetorische Frage
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?