Abendmahl
1815Joh. 6, 55.
mein Blut ist der rechte Trank.
Reicher König, Wirt voll Gnaden, Mich verlangt nach deinem Mahl; Deine Knechte gingen laden, Rufend über Berg und Tal; Was da mag an Erdentischen Köstliches bereitet sein: Herzen kannst nur du erfrischen, Seelen sättigst du allein.
Zwar der Weltlust Goldpokale Seh ich hier nicht aufgestellt, Finde nichts beim ersten Mahle, Was den Sinnen wohlgefällt; Doch ein Brot wird hier gebrochen, Und ein Trank wird hier gereicht, Und ein Gruß wird hier gesprochen, Dem kein irdisch Labsal gleicht.
Eine Königin vor Zeiten Pries man mir im Heidenland, Die, ein Festmahl zu bereiten, Millionen aufgewandt, Denn statt Allem, was beim Mahle, Fürstenlippen sonst ergötzt, War dem Gast nur eine Schale Herben Weines vorgesetzt.
Aber in dem schlechten Tranke, Dran der hohe Gast sich stößt, Hat sie ihm zu Lieb und Danke All ihr Bestes aufgelöst: Eine Perle, welcher keine Rings in allen Landen gleich, Eine Perle schwamm im Weine, Wert ein halbes Königreich.
Doch von deiner Zauberschale, buhlerische Königin, Wend’ ich mich zum Liebesmahle Meines guten Hirten hin, Denn in diesem Nachtmahlstücke Reicht er mir ein Kleinod dar, Eine Perle, gegen welche Dein Juwel ein Spielzeug war.
Diese Perle, unvergleichbar Jedem irdischen Gewinn, Diese Perle, unerreichbar Für den großen Fleischessinn, Diese Perle, die mit Bluten Mir mein Heiland einst errang, Als er aus des Todes Fluten Siegreich sich zum Lichte schwang;
Diese Perle heißet F r i e d e , Friede, den die Welt nicht hat, Kraft für Schwache, Ruh und Müde, Trost für die, so sündenmatt; Alles Erdenleid muss schwinden, Aller Erdenglanz verglimmt, Darf ich diese Perle finden, Die im Nachtmahlkelche schwimmt.
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Interpretation
Das Gedicht "Abendmahl" von Karl von Gerok ist eine tiefgründige Reflexion über die geistliche Bedeutung des Abendmahls. Der Sprecher, der sich als Gast beim himmlischen Mahl sieht, kontrastiert die irdischen Feste mit dem göttlichen Mahl. Er betont, dass nur Gott die Herzen erfrischen und die Seelen sättigen kann, während die Welt mit ihren sinnlichen Genüssen nicht mithalten kann. Im zweiten Teil des Gedichts wird eine Geschichte aus der Antike erzählt, in der eine Königin ein Festmahl gibt, bei dem sie einen Wein mit einer wertvollen Perle versetzt. Diese Geschichte dient als Allegorie für das Abendmahl, bei dem Christus seinen Gläubigen eine noch wertvollere Perle schenkt: den Frieden. Der Sprecher wendet sich von der "buhlerischen Königin" ab und wendet sich stattdessen dem "Liebesmahle" seines "guten Hirten" zu. Im letzten Teil des Gedichts wird die Natur dieser Perle, des Friedens, genauer beschrieben. Sie ist unvergleichbar mit jedem irdischen Gewinn, unerreichbar für den "großen Fleischessinn" und wurde von Christus selbst durch sein Leiden und Sterben errungen. Dieser Frieden ist eine Quelle der Kraft für die Schwachen, der Ruhe für die Müden und des Trostes für die Sünder. Er vermag alle irdischen Leiden zu vertreiben und den irdischen Glanz verglimmen zu lassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Reicher König, Wirt voll Gnaden
- Metapher
- Nachtmahlkelche
- Personifikation
- mein Blut ist der rechte Trank