Abendlied für die Entfernte

August Wilhelm von Schlegel

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Hinaus, mein Blick! hinaus ins Thal! Da wohnt noch Lebensfülle; Da labe dich im Mondenstrahl Und an der heil′gen Stille. Da horch nun ungestört, mein Herz, Da horch den leisen Klängen, Die, wie von fern, zu Wonn′ und Schmerz Sich dir entgegen drängen.

Sie drängen sich so wunderbar, Sie regen all mein Sehnen. O sag′ mir, Ahndung, bist du wahr? Bist du ein eitles Wähnen? Wird einst mein Aug′ in heller Lust, Wie jetzt in Thränen, lächeln? Wird einst die oft empörte Brust Mir sel′ge Ruh umfächeln?

Und rief′ auch die Vernunft mir zu: “Du mußt der Ahndung zürnen, “Es wohnt entzückte Seelenruh “Nur über den Gestirnen;” Doch könnt′ ich nicht die Schmeichlerin Aus meinem Busen jagen: Oft hat sie meinen irren Sinn Gestärkt empor getragen.

Wenn Ahndung und Erinnerung Vor unserm Blick sich gatten, Dann mildert sich zur Dämmerung Der Seele tiefster Schatten. Ach, dürften wir mit Träumen nicht Die Wirklichkeit verweben, Wie arm an Farbe, Glanz und Licht Wärst dann du Menschenleben!

So hoffet treulich und beharrt Das Herz bis hin zum Grabe; Mit Lieb′ umfaßt′s die Gegenwart, Und dünkt sich reich an Habe. Die Habe, die es selbst sich schafft, Mag ihm kein Schicksal rauben: Es lebt und webt in Wärm′ und Kraft, Durch Zuversicht und Glauben.

Und wär′ in Nacht und Nebeldampf Auch Alles rings erstorben, Dieß Herz hat längst für jeden Kampf Sich einen Schild erworben. Mit hohem Trotz im Ungemach Trägt es, was ihm beschieden. So schlummr′ ich ein, so werd′ ich wach, In Lust nicht, doch in Frieden.

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Illustration zu Abendlied für die Entfernte

Interpretation

Das Gedicht "Abendlied für die Entfernte" von August Wilhelm von Schlegel ist ein tief empfundenes Werk, das die Sehnsucht nach einer fernen Geliebten und die Kraft der Hoffnung und des Glaubens thematisiert. Der Sprecher blickt hinaus ins Tal, um sich im Mondenstrahl und in der heiligen Stille zu laben und den leisen Klängen zu lauschen, die von fern her zu Wonn' und Schmerz drängen. Diese Klänge regen sein Sehnen an und lassen ihn fragen, ob seine Ahnung wahr ist oder nur ein eitles Wähnen. Der zweite Teil des Gedichts beschäftigt sich mit der Frage, ob die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft berechtigt ist. Die Vernunft mahnt zur Vorsicht und warnt vor unrealistischen Erwartungen, doch der Sprecher kann die Schmeichlerin, die seine Hoffnung nährt, nicht aus seinem Busen jagen. Er erkennt, dass die Verbindung von Ahnung und Erinnerung die tiefsten Schatten der Seele mildert und dass das Leben ohne Träume und Hoffnung arm an Farbe, Glanz und Licht wäre. Im letzten Teil des Gedichts ermutigt der Sprecher das Herz, treulich zu hoffen und bis zum Grabe beharrlich zu bleiben. Er betont die Bedeutung von Liebe, Zuversicht und Glauben, die dem Herzen einen Schild für jeden Kampf geben. Trotz der Dunkelheit und des Nebels, die die Umgebung umgeben mögen, findet der Sprecher in seinem Herzen den Frieden, der ihn einschlafen und aufwachen lässt. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Hoffnung und der Glaube an eine bessere Zukunft dem Herzen die Kraft geben, die Gegenwart zu umarmen und sich reich an Habe zu fühlen, selbst wenn dieses Habe nur in der Vorstellung existiert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wird einst mein Aug' in heller Lust
Hyperbel
Mit hohem Trotz im Ungemach
Kontrast
In Lust nicht, doch in Frieden
Metapher
Es wohnt entzückte Seelenruh Nur über den Gestirnen
Parallelismus
So schlummr' ich ein, so werd' ich wach
Personifikation
Da horch nun ungestört, mein Herz, Da horch den leisen Klängen
Rhetorische Frage
O sag' mir, Ahndung, bist du wahr? Bist du ein eitles Wähnen?
Symbolik
Mondenstrahl