Abendlied
1947Warum, ach sag, warum geht nun die Sonne fort? Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht, da geht die Sonne fort.
Warum, ach sag, warum wird unsere Stadt so still? Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht, weil sie dann schlafen will.
Warum, ach sag, warum brennt die Laterne so? Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht, da brennt sie lichterloh!
Warum, ach sag, warum gehn manche Hand in Hand? Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht, da geht man Hand in Hand.
Warum, ach sag, warum ist unser Herz so klein? Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht, da sind wir ganz allein.
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Interpretation
Das Gedicht "Abendlied" von Wolfgang Borchert beschreibt die Fragen eines Kindes über die Veränderungen, die mit dem Einbruch der Nacht einhergehen. In fünf Strophen erkundigt sich das Kind nach dem Verschwinden der Sonne, der Stille der Stadt, der brennenden Laterne, den Menschen, die Hand in Hand gehen, und der Kleinheit des Herzens. Die wiederkehrende Frage "Warum, ach sag, warum" unterstreicht die kindliche Neugier und das Bedürfnis nach Erklärungen. Die Antworten des Erwachsenen auf die Fragen des Kindes sind stets gleich: "Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht, das kommt wohl von der dunklen Nacht." Diese einheitliche Antwort deutet darauf hin, dass der Erwachsene die Fragen des Kindes nicht ernst nimmt oder ihnen keine tiefere Bedeutung beimisst. Die dunkle Nacht wird als allumfassende Erklärung für die beobachteten Phänomene herangezogen, ohne auf die spezifischen Details einzugehen. Die letzte Strophe, in der das Kind nach der Kleinheit des Herzens fragt, bringt eine tiefere emotionale Ebene ins Gedicht. Die Antwort des Erwachsenen, dass wir in der dunklen Nacht "ganz allein" sind, deutet auf eine existenzielle Einsamkeit und die Fragilität menschlicher Beziehungen hin. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Melancholie und der Erkenntnis, dass die Dunkelheit nicht nur äußere Veränderungen mit sich bringt, sondern auch tiefe emotionale Auswirkungen haben kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Schlaf ein, mein Kind, und träume sacht
- Fragereim
- Warum, ach sag, warum
- Gleichnis
- Hand in Hand
- Hyperbel
- da brennt sie lichterloh
- Metapher
- dunkle Nacht