Abendlied

Paul Gerhardt

1647

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt′ und Felder, Es schläft die ganze Welt; Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgefällt!

Wo bist, du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind. Fahr hin! Ein′ andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal; So, so werd′ ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit; Die zieh′ ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr′ und Herrlichkeit.

Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein!

Auch euch, ihr mein Lieben, Soll heute nicht betrüben Kein Unfall nicht Gefahr. Gott lass′ euch ruhig schlafen, Stell′ euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar.

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Illustration zu Abendlied

Interpretation

Das Gedicht "Abendlied" von Paul Gerhardt ist ein geistliches Abendlied, das den Übergang vom Tag zur Nacht als Metapher für den Übergang vom Leben zum Tod und zur ewigen Ruhe bei Gott verwendet. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der allgemeinen Ruhe in der Natur und der Welt, die in den Schlaf sinkt. Der lyrische Ich ruft jedoch seine Sinne dazu auf, wach zu bleiben und das zu tun, was ihrem Schöpfer gefällt, was auf eine geistliche Wachsamkeit und Hingabe hindeutet. Im zweiten Vers des Gedichts wird die untergehende Sonne als Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens verwendet. Die Nacht, die den Tag vertrieben hat, wird als Feind bezeichnet. Doch der lyrische Ich findet Trost in der "andern Sonne", Jesus, der hell in seinem Herzen scheint. Dies zeigt die christliche Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben durch den Glauben an Jesus Christus. Im dritten Vers des Gedichts wird der Tag als vergangen beschrieben und die Sterne am Himmel werden als Symbole für die ewige Herrlichkeit Gottes dargestellt. Der lyrische Ich drückt den Wunsch aus, auch in der Ewigkeit bei Gott zu stehen, wenn er ihn aus dem "Jammertal" ruft. Im vierten Vers wird der Leib als Bild der Sterblichkeit beschrieben, der zur Ruhe kommt und seine irdischen Kleider ablegt. Doch Christus wird dem lyrische Ich den "Rock der Ehr und Herrlichkeit" anlegen, was auf die Auferstehung und das ewige Leben bei Gott hindeutet. Im fünften Vers bittet der lyrische Ich Jesus, seine Flügel auszubreiten und sein Küchlein (ein Symbol für den Gläubigen) aufzunehmen. Er bittet um Schutz vor Satan und um die Hilfe der Engel, um unverletzt zu bleiben. Im letzten Vers des Gedichts wendet sich der lyrische Ich an seine Lieben und wünscht ihnen eine ruhige Nacht ohne Unfall oder Gefahr. Er bittet Gott, sie zu beschützen und sie mit seinen "güldnen Waffen" und seiner Schar von Helden zu umgeben.

Schlüsselwörter

sonne nacht güldnen gott lass soll ruhen alle

Wortwolke

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Stilmittel

Apostrophe
O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein!
Bildsprache
Die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar
Metapher
Will Satan mich verschlingen
Personifikation
Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt′ und Felder, Es schläft die ganze Welt
Symbolik
Ein′ andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne