Abendlied
1779Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget Der weisse Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen? - Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen, Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein!
Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott!
So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott! mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!
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Interpretation
Das Gedicht "Abendlied" von Matthias Claudius beschreibt die ruhige und ehrfürchtige Stimmung einer Sommernacht. Der Mond und die Sterne leuchten am Himmel, der Wald steht schwarz und still, und ein weißer Nebel steigt aus den Wiesen auf. Die Welt liegt in einem friedlichen Dunkel, das an eine stille Kammer erinnert, in der man den Kummer des Tages vergessen kann. Das Gedicht reflektiert über die menschliche Eitelkeit und Begrenztheit. Claudius vergleicht die Menschen mit "eitle[n] arme[n] Sünder", die sich in Künsten und Wissenschaften verlieren und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren. Viele Dinge, die wir belächeln, weil wir sie nicht sehen können, könnten dennoch real sein, so wie der Mond, der nur zur Hälfte sichtbar ist, aber rund und schön ist. Im letzten Teil des Gedichts bittet Claudius Gott um Gnade und Erlösung. Er wünscht sich, dass die Menschen einfältig und kindlich fromm werden, sich nicht an vergänglichen Dingen erfreuen und auf Gottes Heil vertrauen. Der Dichter bittet Gott, die Menschen sanft aus dieser Welt zu nehmen und in den Himmel zu führen. Das Gedicht endet mit einem Gebet für einen ruhigen Schlaf und die Genesung des kranken Nachbarn.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Kalt ist der Abendhauch
- Metapher
- Durch einen sanften Tod
- Personifikation
- Der Wald steht schwarz und schweiget
- Vergleich
- Als eine stille Kammer