Abendlied
1879Und wenn sich einst die Seele schließt Wie diese Abendblume; Wenn Alles um sie Dämmrung ist Von Lebens Licht und Ruhme, Und ihre letzten Blick′ umher Ihr kalte Schatten scheinen: O Jüngling, wirst Du auch so schwer Wie diese Blume weinen?
War Deiner holden Jugend Saft In öde Luft verhauchet, Verblüht die Blüthe, Lebenskraft Auf immer mißgebrauchet, Und Deine letzten Blick′ umher Dich alle reuentfärben: O Jüngling, bleibt Dir etwas mehr, Als trostverschmachtet sterben?
Macht Seine große Allmacht je Geschehnes ungeschehen? Und stillt sie auch das tiefe Weh, Sich selbst beschämt zu sehen? Und wächst und wächst nicht jeder That Der Keim so tief verborgen? Wer giebt, wer schafft mir neuen Rath, Noch einen Jugendmorgen?
Und, holder Schlaf, den schaffest Du, Giebst neuen Jugendmorgen, Bist Labetrunk und Schattenruh, Bist Labsal aller Sorgen, Bist Todesbruder! O wie schön Sich Sein und Nichtsein grenzen! Wie frisch wird meine Abendthrän′ Am frühen Morgen glänzen!
Und nach dem Tod - es wird uns sein Als nach des Rausches Schlummer: Verrauscht, verschlummert Lebenspein Und Schmerz und Reu und Kummer. O Tod, o Schlaf, der Dich erfand, Erfand der Menschheit Segen; Breit′ aus auf mich Dein Schlafgewand, Zur Ruhe mich zu legen!
Denn was wär′ unsre Lebenszeit, Auch unsre Zeit der Freuden? Ein Strudel von Mühseligkeit, Ein Wirbel süßer Leiden, Ein ew′ger Taumel! Holder Schlaf, Zu neuem Freudenmahle Für Alles, was auch heut mich traf, Gieb mir die Labeschale!
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Interpretation
Das Gedicht "Abendlied" von Johann Gottfried von Herder beschäftigt sich mit den Themen Lebensabschluss, Reue und Hoffnung auf Erlösung. Es vergleicht das Ende des Lebens mit dem Schließen einer Abendblume und fragt den Leser, ob er auch so schwer weinen wird wie diese Blume. Der Dichter reflektiert über die vergeudete Jugend und fragt sich, ob es etwas mehr als ein trostverschmachtetes Sterben gibt. Er fragt sich auch, ob die Allmacht Gottes jemals etwas Ungeschehenes machen kann und ob der Keim jeder Tat tief verborgen wächst. Der Schlaf wird als Labetrunk und Schattenruh beschrieben, als Bruder des Todes und als Grenze zwischen Sein und Nichtsein. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf Erlösung durch den Tod und den Schlaf, die als Segen für die Menschheit beschrieben werden. Das Gedicht "Abendlied" von Johann Gottfried von Herder ist ein tiefgründiges Werk, das die menschliche Existenz und die Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Todes aufwirft. Der Dichter nutzt eindrucksvolle Bilder und Metaphern, um seine Gedanken auszudrücken und den Leser zum Nachdenken anzuregen. Die Sprache ist poetisch und bildhaft, und die Struktur des Gedichts ist durch die Verwendung von Strophen und Reimen gut strukturiert. Das Gedicht ist ein Beispiel für die romantische Dichtung des 18. Jahrhunderts und zeigt die Fähigkeit des Dichters, tiefe Emotionen und Gedanken in Worte zu fassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und ihre letzten Blick' umher
- Hyperbel
- Und Deine letzten Blick' umher Dich alle reuentfärben
- Metapher
- Für Alles, was auch heut mich traf, Gieb mir die Labeschale
- Metonymie
- O Tod, o Schlaf, der Dich erfand, Erfand der Menschheit Segen
- Rhetorische Frage
- O Jüngling, wirst Du auch so schwer Wie diese Blume weinen?