Abendlied
1879Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh′, Legt sich auch in ihre finstre Truh.
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn, Wie zwei Sternlein innerlich zu sehn, Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn.
Doch noch wandl′ ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Überfluß der Welt!
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Interpretation
Das Gedicht "Abendlied" von Gottfried Keller ist ein tiefgründiges und nachdenkliches Werk, das sich mit den Themen Sterblichkeit, Sehnsucht und der Vergänglichkeit des Lebens auseinandersetzt. Der Dichter verwendet eine bildhafte Sprache, um die Gefühle und Gedanken des lyrischen Ichs auszudrücken, während es sich auf den Abend und die Nacht vorbereitet. In den ersten beiden Strophen beschreibt der Dichter die Augen als "liebe Fensterlein", durch die er die Welt betrachtet und die ihm "holden Schein" geben. Er weiß, dass diese Augen eines Tages "verdunkelt sein" werden und dass er dann die "müden Lider" schließen und in die "finstre Truh" der Seele sinken wird. Die Metapher der "Wanderschuh′" deutet darauf hin, dass das Leben eine Reise ist, die irgendwann zu Ende geht. In der dritten Strophe beschreibt der Dichter die letzten Momente vor dem Einschlafen, in denen er noch zwei "Fünklein" sieht, die wie "Sternlein" in ihm glimmen. Diese Fünklein stehen symbolisch für das Leben und die Hoffnung, die langsam erlöschen, wie der Flügelschlag eines Falters, der sanft und unmerklich verweht. In der letzten Strophe wendet sich der Dichter noch einmal der Gegenwart zu und beschreibt, wie er auf dem "Abendfeld" wandelt und sich dem "sinkenden Gestirn" anschließt. Er bittet seine Augen, noch einmal den "goldnen Überfluß der Welt" zu trinken, bevor sie für immer erlöschen. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Akzeptanz und der Bereitschaft, den Übergang in die Nacht und den Tod zu vollziehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- lieb- ... lich
- Enjambement
- Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein
- Hyperbel
- Von dem goldnen Überfluß der Welt
- Metapher
- Augen, meine lieben Fensterlein
- Symbolik
- Sternlein