Abendlied
1913Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn, Erscheinen unsere bleichen Gestalten vor uns.
Wenn uns dürstet, Trinken wir die weißen Wasser des Teichs, Die Süße unserer traurigen Kindheit.
Erstorbene ruhen wir unterm Holundergebüsch, Schaun den grauen Möven zu.
Früblingsgewölke steigen über die finstere Stadt, Die der Mönche edlere Zeiten schweigt.
Da ich deine schmalen Hände nahm Schlugst du leise die runden Augen auf, Dieses ist lange her.
Doch wenn dunkler Wohllaut die Seele heimsucht, Erscheinst du Weiße in des Freundes herbstlicher Landschaft.
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Interpretation
Das Gedicht *Abendlied* von Georg Trakl beschreibt eine melancholische Stimmung, die den Übergang vom Tag zur Nacht begleitet. Die "dunklen Pfade" und die "bleichen Gestalten" symbolisieren eine innere Dämmerung, einen Zustand der Sehnsucht und des Verlustes. Die "weißen Wasser des Teichs" und die "Süße unserer traurigen Kindheit" evozieren eine nostalgische Erinnerung an eine vergangene Unschuld, die nun nur noch in der Vorstellung existiert. Die "erstorbenen" ruhen unter dem Holundergebüsch, was auf eine Verbindung zwischen Leben und Tod, zwischen Gegenwart und Vergangenheit hindeutet. Die "grauen Möven" und die "frühlingsgewölkigen" Wolken über der "finsteren Stadt" verstärken die düstere Atmosphäre. Die Stadt, die "der Mönche edlere Zeiten schweigt", scheint von einer vergangenen Größe oder spirituellen Tiefe geprägt zu sein, die nun verloren ist. Die Erinnerung an die "schmalen Hände" und die "runden Augen" einer geliebten Person weckt eine tiefe emotionale Verbindung, die jedoch in der Vergangenheit verankert ist. Die Zeile "Dieses ist lange her" unterstreicht die Distanz und den Schmerz des Verlustes. Im letzten Abschnitt erscheint die "Weiße" in der "herbsten Landschaft des Freundes" als eine geistige Präsenz, die in Momenten der inneren Ruhe oder des "dunklen Wohllauts" zurückkehrt. Diese Vision vermittelt eine Ahnung von Trost und Kontinuität, trotz der überwiegenden Traurigkeit. Das Gedicht endet mit einer subtilen Hoffnung, dass die Vergangenheit und die verlorenen Lieben in der Seele weiterleben, auch wenn sie im äußeren Leben unerreichbar bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schlugst du leise die runden Augen auf
- Bildsprache
- Frühlingsgewölke steigen über die finstere Stadt
- Kontrast
- Die Süße unserer traurigen Kindheit
- Personifikation
- Erstorbene ruhen wir unterm Holundergebüsch, Schauen den grauen Möven zu.
- Symbolik
- Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn