Abendlicht

John Henry Mackay

1864

Am Waldesrande ging ein armes Weib, Das jüngste Kind lag an der matten Brust, Und an der rechten Hand hielt sie das andre. Das jauchzte auf in kindlich heller Lust, Als durch die Baumeskronen golden glänzte Das Abendlicht der Sonne und den Pfad Mit einem lichten, letzten Strahl beschien, In den der Fuß des armen Kindes trat.

Da ließ es schnell die Hand der Mutter los Und beugte nieder sich, den hellen Schein Mit seinen Händchen zu erfassen. Doch Die Mutter sprach: “Komm weiter! Laß das sein! Das da - ist nicht für uns!” - und zog es auf.

Und weiter schritten sie, indes zur Rüste Die Sonne ging, aufflammend heiß und fahl. Des Weibes abgehärmte Züge küßte, Die toten Augen lind ihr letzter Strahl.

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Illustration zu Abendlicht

Interpretation

Das Gedicht "Abendlicht" von John Henry Mackay schildert eine ergreifende Szene, in der eine arme Mutter mit ihren beiden Kindern am Waldesrand entlanggeht. Der jüngste Sohn, in den Armen der Mutter, und das andere Kind an ihrer Hand, erleben den Sonnenuntergang als Moment kindlicher Freude. Das ältere Kind versucht, das goldene Abendlicht mit seinen Händen zu greifen, was als Symbol für die Unschuld und das unbeschwerte Streben nach Schönheit steht. Die Mutter jedoch mahnt es, weiterzugehen, und deutet an, dass das Licht nicht für sie bestimmt ist, was auf ihre soziale und materielle Not hinweist. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass der Sonnenuntergang als Metapher für Hoffnung und Schönheit dient, die für die arme Familie unerreichbar bleibt. Die Mutter erkennt die Realität ihrer Situation und verwehrt dem Kind den Versuch, das Licht zu ergreifen, was als Schutz vor Enttäuschung interpretiert werden kann. Das Gedicht verdeutlicht den Kontrast zwischen der Unschuld des Kindes, das nach dem Licht greift, und der Erfahrung der Mutter, die die Grenzen ihrer Welt kennt. Im letzten Vers des Gedichts wird die Sonne als "aufflammend heiß und fahl" beschrieben, was auf die Härte und die Endlichkeit des Lebens hinweist. Die letzten Strahlen der Sonne küssen die abgehärmten Züge der Mutter und ihre toten Augen, was eine tiefe Traurigkeit und Resignation ausdrückt. Die Mutter scheint in ihrer Armut und Mühsal gefangen, während die Schönheit des Abends nur als flüchtige Illusion erlebt wird, die sie nicht erreichen kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Als durch die Baumeskronen golden glänzte Das Abendlicht der Sonne und den Pfad Mit einem lichten, letzten Strahl beschien
Kontrast
Und weiter schritten sie, indes zur Rüste Die Sonne ging, aufflammend heiß und fahl
Metapher
Des Weibes abgehärmte Züge küßte
Personifikation
Die toten Augen lind ihr letzter Strahl
Symbolik
Das Abendlicht der Sonne