Abendland

Georg Trakl

1913

Mond, als träte ein Totes Aus blauer Höhle, Und es fallen der Bluten Viele über den Felsenpfad. Silbern weint ein Krankes Am Abendweiher, Auf schwarzem Kahn Hinüberstarben Liebende.

Oder es läuten die Schritte Elis′ durch den Hain Den hyazinthenen Wieder verhallend unter Eichen. O des Knaben Gestalt Geformt aus kristallenen Tränen, Nächtigen Schatten. Zackige Blitze erhellen die Schläfe Die immerkühle, Wenn am grünenden Hügel Frühlingsgewitter ertönt.

So leise sind die grünen Wälder Unsrer Heimat, Die kristallene Woge Hinsterbend an verfallner Mauer Und wir haben im Schlaf geweint; Wandern mit zögernden Schritten An der dornigen Hecke hin Singende im Abendsommer, In heiliger Ruh Des fern verstrahlenden Weinbergs; Schatten nun im kühlen Schoß Der Nacht, trauernde Adler. So leise schließt ein mondener Strahl Die purpurnen Male der Schwermut.

Ihr großen Städte Steinern aufgebaut In der Ebene! So sprachlos folgt Der Heimatlose Mit dunbler Stirne dem Wind, Kahlen Bäumen am Hügel. Ihr weithin dämmernden Ströme! Gewaltig ängstet Schaurige Abendröte Im Sturmgewölk. Ihr sterbenden Völker! Bleiche Woge Zerschellend am Strande der Nacht, Fallende Sterne.

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Illustration zu Abendland

Interpretation

Das Gedicht "Abendland" von Georg Trakl ist ein tiefgründiges und melancholisches Werk, das die Themen Tod, Verlust und die Vergänglichkeit des Lebens aufgreift. Die Bildsprache ist reich an symbolischen Elementen, die eine düstere und traurige Atmosphäre schaffen. Der erste Teil des Gedichts beschreibt eine nächtliche Szene, in der der Mond wie ein Toter aus einer blauen Höhle tritt. Die fallenden Blumen über den Felsenpfad und das silbern weinende Kranke am Abendweiher vermitteln ein Gefühl von Trauer und Verlust. Die Liebenden, die auf einem schwarzen Kahn hinüberstarben, symbolisieren den Tod und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Im zweiten Teil des Gedichts werden weitere symbolische Bilder verwendet, um die Themen Tod und Vergänglichkeit zu unterstreichen. Die Schritte Elis', die durch den Hain läuten, und der Knabe, der aus kristallenen Tränen geformt ist, repräsentieren die Vergänglichkeit des Lebens und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Die zackigen Blitze, die die Schläfe erhellen, und das Frühlingsgewitter auf dem grünenden Hügel symbolisieren die plötzlichen und unvorhersehbaren Ereignisse, die das Leben beeinflussen können. Der letzte Teil des Gedichts beschreibt die Stille und Ruhe der Heimatwälder, die kristallene Woge, die an einer verfallenen Mauer stirbt, und die singenden Wanderer an der dornigen Hecke im Abendsommer. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Sehnsucht und Nostalgie für eine verlorene Heimat und eine vergangene Zeit. Die sterbenden Völker und die bleiche Woge, die am Strand der Nacht zerschellt, symbolisieren den Untergang von Zivilisationen und die Vergänglichkeit aller Dinge.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Bluten über den Felsenpfad
Metapher
Fallende Sterne
Personifikation
Mond, als träte ein Totes